1.
Sie war eine Frau, die schon lange nicht mehr Rad gefahren war, und sie war schon lange nicht mehr hier draußen gewesen. Sonst wäre er dabei gewesen – und hätte gesagt: Wären wir doch lieber zuhause geblieben.
Die Frau war sehr dünn und drahtig, ihre braunen Haare hatte sie sonst zu einem Zopf gebunden. Schnell musste es gehen und stören durften sie auch nicht. Heute war eine Ausnahme. Sie war allein unterwegs und ihre Haare wehten offen im Fahrtwind. Nur zu, gehen Sie, hatte die Frau in der weißen dicken Baumwollbluse zu ihr gesagt und noch hinzugefügt, Sie brauchen ein bisschen freie Zeit mehr, als Ihr Mann sie braucht. Wenn sie arbeitete, kochte sie für ihn, wusch ihn, schob ihn durch den nahegelegenen Park oder las ihm vor. Sie war erschöpft und angestrengt, hatte viele Falten bekommen in den letzten Jahren.
Links und rechts standen die Bäume und sie konnte kaum etwas sehen, so blendete die Sonne. Die Allee breitete sich vor ihr aus. Früher waren noch Birken da, heute wuchsen junge Buchen und Eschen entlang des Feldweges. Am Himmel war keine Wolke zu sehen. Es war hell und warm. Als ein Hügel kam, schloss sie kurz die Augen und bremste nicht. Ein Glücksgefühl durchwogte ihren Körper, ihr Herz hüpfte. Die Steine am Weg sprangen zur Seite, explodierten unter den Reifen.
Es dauerte nicht lange, da war die Allee vorüber und mündete in einen von dichten Sträuchern und hohen Bäumen gesäumten Weg. Es duftete nach Schlehenblüten.
Sie blieb nicht stehen, fuhr schnell. Kurzerhand entschied sie sich an einer Kreuzung, in den dichteren Wald einzubiegen, entlang der Bahnschiene. Dort wuchs dichtes Nadelholz. Sie bog ab. Der Boden unter den Reifen wurde spürbar weicher, sie sank tiefer ein. Das dunkle Grün wurde immer dichter. Die Luft erdig und feucht.
2.
Nicht allzu lange fuhr sie so weiter, da erregte etwas ihre Aufmerksamkeit. Zwischen dem Moos lag es. Keuchend.
Ein großer brauner Körper. Ein Reh?
Sie stieg vom Rad, stolperte fast. Das weiche Moos unter ihren Füßen gab nach. Sie trat näher.
Und wirklich. Noch dichter ran, ein süßlicher Geruch stieg ihr in die Nase. Einige Meter vor ihr drängten Sonnenstrahlen durch den dichten Wald. Die lichte Krone einer alten Kiefer zwischen all den sich drängenden jungen Fichten ließ Helligkeit eindringen. Der Körper des Tieres war in weißes Licht getaucht. Das Reh lag auf der Seite, es konnte nicht aufstehen.
Es hatte auch sie wahrgenommen, sein Blick war voller Furcht, konnte es doch nicht fliehen. Die Frau trat langsam näher heran. Ich will es nicht schrecken, dachte sie. Vorsichtig ging sie Schritt für Schritt durch das Dickicht zu der Lichtung, wo das Tier lag. Nicht weit entfernt von der Stelle verlief eine Böschung hinauf, wo Schienen zu erkennen waren. Das Reh schien schwer verwundet zu sein. Du wirst sterben, Reh, murmelte die Frau leise. Sie trat noch etwas näher. Jetzt fiel auch Licht auf ihren Körper. Sie ging in die Hocke, ohne den Blick vom Reh zu wenden.
Bernsteinbraune Augen, vom Schreck geweitet. Sie erblickte sich in der großen schwarzen Pupille. Sie betrachtete sich selbst, klein, verschwommen war sie da, gespiegelt im großen, dunklen Inneren des Auges. Sie hielt den Atem an. Ihre Hände zitterten leicht. Ihr Herz schlug wie das des Tieres. Es waren seine Augen, so, wie sie mal waren. So, als wäre er jetzt hier.
Die Nähe hatte sie in die Knie gezwungen, weich waren sie wie das Moos, das nun anfing, ihre Hose zu tränken. Sie spürte nichts, sah nur das Auge, die Angst, das sterbende Tier. Es stirbt. Einen Moment zogen Wolken vorüber und verdunkelten ihre Sicht. Sie schloss die Augen und schien sich entschieden zu haben. Ich sehe dich, Reh, kleines Rehlein, ich bleib bei dir, bis zum Ende. Bei diesem Gedanken spürte sie eine jähe Ruhe in sich kehren. Sie tauchte ein, in den Trost.
Das Reh lag lange, atmete gleichmäßig schnell. Es schien sich an die Begegnung mit der Frau gewöhnt zu haben, schaute in die Ferne, der Blick ruhiger. Ein Zug zischte vorbei, ein Donnern erschütterte den Waldboden, eine kurze Regung des Tieres, nur leicht. Es konnte nicht mehr. Die Frau bemerkte schließlich das viele Blut, das aus dem Bauchraum austrat. Sie spürte einen Stich im Herzen und eine tiefe Trauer schnürte ihre Brust zusammen. Es war der letzte Schmerz, der aufkam. Sie schluckte, Tränen liefen über ihre Wangen und tief aus ihrem Inneren kam schließlich ein lautes Wehklagen und Weinen. Sie weinte und weinte, bis ihre Laute leiser wurden und nur stille Tränen trockneten. Das Reh atmete jetzt langsam. Sie wagte, die Hand auszustrecken und das Tier zu berühren. Bald hast du es geschafft, hauchte die Frau leise zum Reh. Nicht mehr lange.
Das fleckige Sonnenlicht traf die knieende Frau, die über dem Reh gebeugt war und sanft den Hals des Tieres streichelte.
Ein wenig später waren die Augen starr. Der Tierkörper bewegte sich nicht mehr, kein Atem. Die Frau nahm ihre Hand vom Reh, die Sonne in ihrer letzten Kraft erbarmungslos auf das wilde Tier scheinend, tot, wie es da lag. Die Frau stand auf und nahm den leblosen Körper wahr, erstarrt.
Wieder donnerte ein Zug vorbei.
Langsam schritt sie zum Rad. Sie sah sich noch einmal um.
Durch die Äste der Kiefer drang nur noch schwaches Licht, als die Frau aufbrach. Das Reh war im Schatten verschwunden.
3.
Eine Weile noch schob sie ihr Rad. Müde war sie geworden. Dann stieg sie auf den Sattel und fuhr in gleichmäßigen Bewegungen zurück.
Die Lichter waren an. Sie hielt inne. Dann atmete sie schwer aus und lief zur Tür.
Die Frau drückte sich an der Pflegerin vorbei. Ihre Stimme hallte in ihrem Ohr. Die Frau ging ruhig zu ihrem im Sessel sitzenden Mann. Er starrte durch sie hindurch, an ihr vorbei. Im Hintergrund die Vorwürfe der anderen hörte sie nur als leises Rauschen. Sie kniete sich vor ihn hin, der Stoff am Knie war bereits getrocknet, nahm seine Hand, suchte seinen Blick. Plötzlich drehte er den Kopf und sah sie direkt an. Bernsteinfarbene Augen. Sie meinte noch etwas zu erkennen. Ich bin da,flüsterte sie und nahm seine Hand. Doch er drehte den Kopf wieder zur Seite.
Schließlich stand die Frau auf, sah ihren Mann vor sich sitzen, teilnahmslos.
Ihre Jacke roch noch nach Wald, als sie sie auszog und an die Garderobe hängte.
Im Haus gingen nach und nach die Lichter aus, sie stand am Fenster und blickte zur weißen Mondkugel.
