Geschäftskunden

Auf der Straße

von Philip Riesinger

Auf der Straße steht ein Freund.

Oder vielmehr: das, was von ihm übrig ist.

Wie in ein stilles Gebet versunken steht er da, tief über die Stolpersteine im Schatten der Synagoge gebeugt, doch er sieht weder den goldenen Schimmer der Mahnmale noch ihre Inschriften, auch nicht das leuchtende Gelb der Rose, die jemand dort vor einer Weile niedergelegt hat und viele andere in der Zwischenzeit plattgetreten haben.

Das Wetter ist schön, es scheint die Sonne. Aus dem Innenhof des Cafés drei Häuser weiter schallt reges Treiben und frühsommerliche Ausgelassenheit herüber. Am Eingang des Gotteshauses hingegen sorgt ein schwer bewaffneter Polizist mit mürrischem Blick für Sicherheit. Ein paar Meter daneben steht mein Freund.

Zugegeben, stehen ist ein ziemlicher Euphemismus. Und auch mein Freund stimmt wohl nicht ganz. Eher ein Freund. Ein Bekannter aus gemeinsamen Kreisen in den wilden Zehnerjahren. Selbe Clique, selbe Partys, ähnliche Laster. Das ein oder andere nächtliche Gespräch über Gott und die Welt, gelallt von Lebemann zu Lebemann. Die übliche soziale Schnittmenge von Menschen mit geteilten Interessen in einer überschaubar kleinen Großstadt eben. Man kennt sich.

Und man erkennt sich noch. Oder eher: wieder. Beim ersten Mal musste ich glatt dreimal hinsehen, bis ich mir sicher war, dass es wirklich er ist. Viel übrig geblieben ist nicht gerade von ihm, dem leutseligen, durchtrainierten Frauenschwarm von damals. Was da auf der Straße taumelt, ist kaum mehr als ein Schatten, der mit fortschreitender Stunde immer länger wird, bis die Sonne schließlich untergeht. Und es wird bereits dunkel.

Auf der Straße steht ein Mensch, auch wenn ein gleichgültiger Verwertungsapparat seinen Schäfchen gelegentlich soufflieren möchte, dieses lästige humanistische Primat ab und an auf den moralischen Prüfstand zu stellen. So oder so wird er für die meisten nie etwas anderes sein als ein wandelndes Mahnmal, eine eindringliche Warnung des Systems vor dem Scheitern, dem Durch-das-Netz-Fallen, dem Einmal-zu-oft-aus-der-Reihe-Tanzen. Verschluckt, gekaut und ausgespuckt von einer Verkettung unglücklicher Umstände, sagen sie. Schon einfach saublöd gelaufen, ne? Stimmt. Kann man nichts machen, denken sie. Gut möglich.

Er hingegen hat mich trotz seines desolaten Zustands bei unserem ersten erneuten Aufeinandertreffen erstaunlich schnell wiedererkannt. Menschlicher Strohhalm, Flashback an bessere Zeiten, Projektionsfläche vielleicht – was weiß ich, was er in mir gesehen hat. Wahrscheinlich am ehesten einen Geldbeutel, denn darauf lief es hinaus. Was allerdings bis dato niemand so richtig verstanden hat, ist die exakte Chronik seines Verfalls. Wie er nämlich letzten Endes genau in dieser Misere gelandet ist, das weiß keiner aus der alten Blase so recht. Geschichten, Mutmaßungen und fragwürdige Halbwahrheiten kursieren natürlich zuhauf, aber doch fehlen dem Puzzle zu viele Teile, als dass ein großes Ganzes erkennbar wäre, das mehr Substanz hätte als Spekulation und teils aberwitzig anmutende Gerüchte.

Schicksalsschläge aller Art, so viel steht fest. Jedenfalls war er der Erste, der von uns gegangen ist, auch wenn er nach wie vor unter uns weilt. Heute zieht er seine geisterhaften Runden durch die Gassen seiner Heimatstadt, den Blick meist wie hypnotisiert auf ihren Boden geheftet, als warte er auf etwas. Alles scheint ihm irgendwie fremd und feindlich vorzukommen, im Angesicht des bedrohlichen Takts der Tage, Stunden und Minuten, der ihm langsam, aber sicher ebendiesen Boden unter den Füßen wegzieht. Er ist noch hier, aber er ist nicht mehr wirklich da.

Auf der Straße steht ein Fremder.

Zumindest kommt er mir so vor.

Es entbehrt nicht einer gewissen morbiden, kosmischen Ironie, dass ausgerechnet die Zeit, die sich sonst rühmt, alle Wunden zu heilen, ihm jetzt tagtäglich neue schlägt, und ihren Zahn noch tiefer in sein ohnehin schwaches Fleisch bohrt, während sie schon vorfreudig mit Essigschwamm und Lanze wedelt.

Gedankenverloren schüttle ich den Kopf über meinen eigenen, seltsam sakralen Zynismus und wende mich um.

Neben dem Freund steht ein Geist, seine unsichtbare Hand ruht auf dem Rücken des gebeugten Aussätzigen. Mit dem eindringlichen Blick eines Bruders sieht er mich an und fragt: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Ich kenne den Psalm wohl. Jesu Worte am Kreuz. Allerdings waren es nicht seine eigenen. Es handelt sich um einen Vers aus der Feder König Davids. Oft nur mit den ersten ein, zwei Sätzen eingeleitet – seit Millennia ein probater Kunstgriff von Rabbis, um die Gemeinde zur Rezitation aufzurufen. Der Rest lautet in etwa so:

Ich schreie, aber meine Hilfe ist fern.

Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest Du nicht,

Und des Nachts, doch ich finde keine Ruhe.

Ich bin ein Wurm und kein Mensch,

Ein Spott der Leute und verachtet vom Volk. 

Alle, die mich sehen, verspotten mich,

Sperren das Maul auf oder schütteln den Kopf: 

»Er klage es dem Herrn, der helfe ihm heraus

Und rette ihn, so Er hat Gefallen an ihm.«

Sei nicht fern von mir, jetzt, wo die Angst so nahe ist;

Denn es ist hier kein Helfer.

Ich bin ausgeschüttet wie Wasser,

All meine Gebeine sind zertrennt;

Mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.

Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Tonscherbe,

Und meine Zunge klebt mir am Gaumen,

Und Du legst mich in des Todes Staub.

 

Ich reiße mich abermals aus meinen apokryphischen Tagträumereien, sodass er wieder allein dasteht, und mustere ihn noch mal eingehender. Seine Gliedmaßen sind übersäht mit blutigen Schrammen, Narben und schlecht verheilten Wunden. Mit zittriger Hand versucht er, sich eine Zigarette anzuzünden, während der andere Arm schlaff an einer Seite herunterhängt, doch er scheitert. Die Zigarette entgleitet seinen aufgesprungenen Lippen und landet quer auf der Rose zu seinen Füßen, wo sie sich an einem ihrer Dornen verfängt. Seht, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt! Doch wer eilt zu seiner Erlösung? Wie rettet man einen Verlorenen? Ein Verband mag die Blutung stillen, doch wenig vermag er auszurichten, wenn darunter bereits der Wundbrand schwelt.

Auf der Straße steht ein Schatten.

Seiner selbst. Der Gesellschaft. Ein Opfer kollektiver Kapitulation.

In einem nahen Kirchturm verkünden die Glocken die neunte Stunde. Es ist schon fast dunkel.

Kein Hahn, der nach ihm kräht, und doch verleugnet steht er da.

Schlimm, schlimm, schlimm … denke ich und gehe weiter. Etwas die Straße hoch steht ein alter Umzugskarton, auf den jemand mit ausgetrocknetem Edding in krakligen Lettern »ZU VERSCHENKEN« geschrieben hat. Danebengesellt haben sich im Laufe des Tages ein zerbrochener Spiegel, ein an einer Ecke eingerissenes Aquarellbild aus der Küche irgendeiner namenlosen, verstorbenen Großtante und ein allem Anschein nach defektes Bügeleisen. Sperrmüll, Vanitas, bürgerliches Stillleben. Da lacht das kunstsinnige Herz. Als ich mich über die ausrangierten Habnichtmehrseligkeiten in der Schatzkiste beuge, bleibt mein Blick unvermittelt auf der Spiegelfläche daneben haften, doch als ich vollends hineinsehe, erkenne ich mich selbst in der kaputten Reflexion nicht wieder. Erschrocken wende ich die Augen ab, schaue weiter weg. Niemand ist da.

Niemand macht mir Angst.

Mich schaudert. Sobald die Sonne weg ist, wird es doch recht schnell kühl,denke ich.

Ich gehe heim. Es ist nicht weit und drinnen ist es warm.

Vor der Synagoge dreht der Polizist pflichtschuldig die letzte Runde seiner Schicht und taxiert die mittlerweile menschenleere Straße mit einem vorletzten prüfenden Blick, ehe er in einer militaristisch anmutenden Geste geräuschvoll auf einem Absatz kehrtmacht und durch das alarmgesicherte Tor im Inneren des Tempels verschwindet. Mit einem stillen Seufzer legt er sein Maschinengewehr auf den flachen Holztisch vor sich in der Bibliothek, die nur durch eine dicke Glaswand vom Bürgersteig getrennt ist, und freut sich über die Last, die endlich von seinen Schultern abfällt. Er zieht sich einen Stuhl heran, macht die Beine lang und streckt die müden Arme in die Bücherluft. Es ist vollbracht. Nachdem er sich die Augen gerieben hat, bemerkt er: Draußen ist es dunkel.

Als er noch ein allerletztes Mal seinen gläsernen Blick über die Straße schweifen lässt, kann er dort keinen Menschen mehr erkennen.

Doch draußen auf der Straße steht ein Freund.

Ich sehe ihn, von drinnen am Fenster.