Geschäftskunden

Das rote Telefon

von Katharina Winter

Vorsichtig schüttete sie den Rotwein aus der Flasche ins Glas, das vor ihr auf dem Nierentisch aus Teakholz stand. Daneben ein Schüsselchen mit Erdnüssen und eine eben angezündete, hell-violette Kerze, die in einem selbstgegossenen Keramikständer steckte. Behutsam stellte sie die Flasche ab, immer darauf bedacht, dass kein Tropfen danebenging. Agnes hatte in den letzten Monaten viel Zeit und einen beachtlichen Teil ihres Gehalts darauf verwandt, ihre neue Wohnung so einzurichten, dass sie sich hier richtig wohlfühlte. Sie war vor einem halben Jahr aus ihrer Zweier-WG ausgezogen – nicht wirklich freiwillig. Ihre Mitbewohnerin und eigentlich beste Freundin, hatte ihren neuen Freund einziehen lassen. Und Agnes dann klar gemacht, dass die Wohnung für drei zu klein sei. Kuckuck, Kuckuck, tönte die handgeschnitzte Kuckucksuhr, die an der Wand gegenüber hing. Halb zehn. Es blieb also noch genügend Zeit. Sie fischte drei Erdnüsse aus der Schüssel, schob sie sich in den Mund und spülte sie mit einem Schluck Rotwein herunter.

WER SIND SIE?

WAS WOLLEN SIE?

WARUM RUFEN SIE HIER AN?

Diese drei Fragen sagte sich Agnes immer wieder laut vor. Sie saß leicht vorgebeugt auf dem grünen, samtbezogenen Ohrensessel und wickelte sich das Kabel des Telefons abwechselnd um die Finger ihrer linken Hand. Das Telefon stand neben ihr auf der Art-déco-Anrichte aus massiver Eiche. Sie hatte es bei ihrem letzten Flohmarktbesuch erstanden. Es war knallrot, hatte einen elegant geschwungenen Hörer und eine echte Wählscheibe, die so schön klackerte, wenn man sie betätigte. Zimmerpflanzen überlebten bei ihr nie länger als maximal zwei Wochen, deshalb hatte sie es aufgegeben, ihre Wohnung damit zu schmücken. Lieber suchte sie auf Flohmärkten nach passenden Deko-Gegenständen im Vintage-Stil. Sie hatte nie vorgehabt, das Telefon zu benutzen. Das Kabel hatte sie nur in die Telefonbuchse gesteckt, um nicht darüber zu stolpern. Wie alle ihre Freundinnen besaß sie keine Festnetznummer. Im Gegensatz zu all ihren Freundinnen nutzte sie jedoch auch kein Smartphone, sondern ein altes Nokia-Handy. Ohne Aufladen hielt der Akku zwar nicht mehr lange, aber sie konnte sich einfach nicht damit anfreunden, sich ein Smartphone zu kaufen. Sie hatte Angst, dass es genauso von ihrem Leben Besitz ergreifen würde, wie sie es in ihrem Freundeskreis beobachtet hatte. Niemand schaffte es, einen Nachmittag mit ihr zu verbringen, ohne nicht wenigstens hin und wieder aufs Handy zu schauen. Um zu wissen, ob es regnete. Ob es neue WhatsApp-Nachrichten gab. Oder sich das letzte Tinder-Date gemeldet hatte. Ganz zu schweigen von den Pärchen, die sie oft in Cafés sitzen sah: jeder in sein eigenes Smartphone vertieft, ohne miteinander zu reden.

Rrrriinngggg. Rrrriingggg. Rrrriingggg.

Obwohl Agnes auf den Anruf gewartete hatte, zuckte sie zusammen, als das Geräusch die Stille in ihrer Wohnung durchbrach. Schnell griff sie zum Hörer, damit der Anrufer nicht in wieder auflegen konnte – und stieß dabei das Weinglas um. Die rote Flüssigkeit breitete sich langsam auf dem hellen Holz aus. So ein Mist. Jetzt hatte sie jedoch keine Zeit, sich darum zu kümmern.

„Hallo?“

Stille.

„Sie legen jetzt nicht gleich wieder auf! Wer sind Sie? Warum rufen Sie an? Was wollen Sie von mir?“

Schweigen.

„Wenn Sie mich schon jeden Abend stören, dann antworten Sie wenigstens“, zischte sie.

Es war jetzt der fünfte Abend in Folge, dass ihr neues altes Telefon klingelte. Immer pünktlich um viertel vor zehn. Das erste Mal hatte sie schon geschlafen und das Klingeln hatte sie geweckt. Bis sie verstanden hatte, woher das Geräusch kam, war das Telefon schon wieder verstummt. Die anderen Abende hatte sie den Hörer jedes Mal abgenommen und gefragt, wer dran sei. Der Anrufer hatte jedoch immer sofort wieder aufgelegt. Gestern hatte sie ihren Vermieter zufällig im Flur getroffen, ihm davon erzählt und gefragt, ob es für ihre Wohnung noch eine Festnetznummer gebe. Der hatte jedoch nur mit den Schultern gezuckt. Da Agnes nicht wusste, wie und wo sie das herausfinden konnte, hatte sie der Bundesnetzagentur den Fall geschildert. Manchmal gebe es noch einen alten Vertrag, der schon gekündigt sei, jedoch noch weiterlaufe, hatte die Servicemitarbeiterin Agnes erklärt. Oft seien die Kündigungsfristen ja relativ lang.

Ein Räuspern am anderen Ende der Leitung.

„Es tut mir leid, dass ich Sie durch meine Anrufe gestört habe“, ertönte zögerlich eine dunkle Männerstimme. „Am besten lege ich jetzt wieder auf.“

„Warten Sie!“ Seine Entschuldigung hatte Agnes beschwichtigt und ihre Neugierde geweckt. „Ich möchte wissen, warum Sie hier jeden Abend anrufen. Woher haben Sie denn die Nummer?“

„Tja, also … Das ist eine lange Geschichte.“

„Das trifft sich gut, ich habe Zeit.“

„Ähm, ok. Hm, aber … wenn ich Ihnen erzähle, warum ich hier anrufe, werden Sie mich für verrückt halten.“ Jetzt wollte Agnes seine Geschichte erst recht hören.

„Das sind Sie mir schuldig.“

„Nun gut … ich … für mich … Also, es beruhigt mich, diese Nummer zu wählen.“

„Warum? Wem gehört diese Nummer?“

„Meiner Schwester.“

„Aber Ihre Schwester wohnt nicht mehr hier. Wissen Sie das?“

„Ja, das weiß ich“, er schluckte und machte eine lange Pause. Agnes befürchtete schon, er würde auflegen. Doch dann sprach er weiter. „Meine Eltern haben die Wohnung vor etwa einem dreiviertel Jahr gekündigt. Meine Schwester lebte jedoch schon länger nicht mehr dort. Ich habe trotzdem jeden Abend um dieselbe Zeit angerufen. In der Hoffnung, dass meine Schwester ans Telefon gehen würde. Als meine Eltern die Wohnung dann gekündigt haben, behielt ich diese liebgewonnene Angewohnheit bei. Bis vor Kurzem erklang immer ein Besetztzeichen und ich war davon ausgegangen, dass es die Nummer nicht mehr geben würde.“ Schwer zu sagen, wie alt der Anrufer sein mochte. Vielleicht Ende dreißig, vielleicht Anfang fünfzig. Er sprach freundlich, ruhig und ein bisschen melancholisch. Wie ein Radio-Moderator, den die schlechten Nachrichten traurig machen. Agnes empfand es als angenehm, ihm zuzuhören.

„Aber wo ist Ihre Schwester denn?“

„Ich weiß es nicht.“

„Was ist passiert?“

„Ich möchte Sie wirklich nicht langweilen.“

„Das tun Sie ganz bestimmt nicht.“

„Falls doch, unterbrechen Sie mich einfach. Ähm …“ Er schwieg. Dann schien er Mut gefasst zu haben und die Worte sprudelten nur so heraus: „Meine Schwester hatte sich verlobt. Sie lebte schon nicht mehr bei uns zuhause, sondern in der Wohnung, die Sie jetzt gemietet haben. Sie war in ihrem letzten Studienjahr. Medizin. Marianne, also meine Schwester, wollte Augenärztin werden. Meine Eltern waren mit der Verlobung nicht einverstanden und es gab Streit.“ Er stockte und holte tief Luft. „Und dann war Marianne einfach weg.“ Als er das sagte, zitterte seine Stimme leicht. Agnes hörte, wie traurig er darüber war, dass er keinen Kontakt mehr zu seiner Schwester hatte.

„Und wenn ihr was passiert ist? Haben Sie die Polizei eingeschaltet?“

„Ja, wir waren bei der Polizei. Aber da es keinerlei Hinweise auf ein Verbrechen gegeben hat, stellten sie auch keine Nachforschungen an.“

„Und es gibt keine Möglichkeit, Ihre Schwester zu finden?“

„Ich fürchte, nein. Ich wüsste nicht, wie.“ Es klang resigniert.

„Mh … Wenn es Ihnen hilft, diese Nummer zu wählen, dann tun Sie das ruhig weiter.“

„Aber ich möchte Sie wirklich unter keinen Umständen weiterhin stören.“

„Wissen Sie, ich habe eigentlich nichts dagegen, mich am Abend ein bisschen zu unterhalten. Ich hatte das Telefon zwar nur als Dekoration gekauft. Aber jetzt, wo ich es nutze, gefällt es mir sogar noch besser.“

„Ein Telefon als Dekoration? Das ist aber auch ungewöhnlich.“

„Ja, vielleicht.“ Agnes lachte. „Davon erzähle ich Ihnen dann beim nächsten Mal.“ Die Geschichte von Marianne hatte sie aufgewühlt und sie wollte in Ruhe darüber nachdenken.

„In Ordnung … dann bis morgen?“

„Ja, bis morgen.“ Agnes legte auf. Dann fiel ihr ein, dass sie noch nicht mal nach dem Namen des Anrufers gefragt hatte. Das musste sie morgen unbedingt machen. Sie lächelte. Wie er wohl aussah? Auf jeden Fall war er sympathisch – und vermutlich ein bisschen einsam.

Sie drehte sich zum Couchtisch um und pustete die Kerze aus, die während ihres Telefonats fast vollständig heruntergebrannt war. Ach ja, der Rotweinfleck. Schnell ging sie in die Küche, kam mit einem feuchten Tuch zurück und wischte über den Tisch. Ein kleiner Fleck blieb immer noch. Vielleicht bekam sie den mit einer speziellen Holzpolitur weg. Aber das konnte bis morgen warten.