Geschäftskunden

Ein Häufchen Heiterkeit

von Carolina Mondì

Draußen ist es noch düster und die Luft ist kalt, ein typischer Novembermorgen. Ich bin schon wach, bevor der Wecker klingelt und mein Vierjähriger zu schimpfen beginnt. Im Gegensatz zu mir ist er kein Frühaufsteher, was unser morgendliches Prozedere nicht sonderlich erleichtert. Und auch an diesem Morgen erwache ich wie gewohnt mit einem unterbewussten innerlichen Druck, denn was mich erwartet, ist weder entspannt noch erfreuend. Ist es nicht verrückt, wie schnell sich Gewohnheiten einschleichen, ganz ohne dass man es aktiv bemerkt?

Ich versuche, möglichst leise ins Bad zu tapsen, um mir mit beiden Händen möglichst viel kaltes Wasser ins Gesicht zu schütten. Denn so sehr ich den Morgen schätze, wirklich wach bin ich um 05:30 Uhr noch nicht.

 

Weiter gehts in die Küche, wo ich zwei Scheiben Vollkorntoast in den Toaster schiebe und die Kaffeemaschine anschalte. Während ich darauf warte, dass beides startklar ist, begebe ich mich zur Spüle, fülle den Thermobecher mit heißem Wasser, damit er auch bis zum Mittagessen im Kindergarten warm bleibt, gieße noch mehr Wasser in die Emilflasche meines Sohnes und bewege mich mit der Brotzeitbox Richtung Arbeitsplatte. Jetzt geht’s ans Eingemachte. Naja, so halbwegs zumindest. Gemüse schälen, Obst waschen, das Ganze kleinschneiden und zusammen mit dem mittlerweile beschmierten Toast in die Box legen. Frühstück vorbereiten und auf den Esstisch stellen. Da hätte ich doch glatt vergessen, das Nudelwasser auf den Herd zu stellen. Zurück zur Spüle, Topf befüllt und rauf auf die Platte.

 

Heute ist Montag, dementsprechend habe ich nicht mehr allzu viel Auswahl im Kühlschrank, was bedeutet: Es gibt mittags Pasta mit Pesto – wie gut, dass der Kleine sein Pesto liebt. Das erlösende Wort erscheint mir vor den Augen: Kaffee. Danke, Kopf, dass du mich noch daran erinnerst. Also hole ich mir meine bauchige Lieblingskeramiktasse und lasse mir einen heißen Kaffee raus. Doch bevor ich einen Schluck nehmen kann, kommt das morgendliche Krächzen: „Maaamaaaaaa.“ Zwischen meiner Antwort „Ich komme schon!“ und dem Losgehen werfe ich noch die Dinkelhörnchen ins kochende und jetzt auch gesalzene Wasser – kurzer Blick auf die Uhr und weiter geht’s. „Guten Morgen, mein Kleiner, hast du gut geschlafen?“ Ich erwarte keine Antwort, doch heute Morgen überrascht er mich mit einem „Hab dich sooo lieb“. Ab ins Bad.

 

Während er so tut, als würde er sich anziehen, laufe ich zurück zur Küche, gieße das Nudelwasser ab, vermenge die Pasta mit Pesto und gebe das Ganze in die geleerte und abgetrocknete Thermobox. Rein mit dem Gedöns in den Rucksack und Behälter. Das Wasser habe ich natürlich aufgefangen, um damit später die Blumen zu gießen. Klar. Schon kommt das nächste „Mammaaaa“. Auf schnellstem Weg begebe ich mich wieder ins Bad. Bis wir uns und die Betten fertig gemacht haben und am Frühstückstisch angekommen sind, ist der Kaffee natürlich kalt und mir vergeht nach einem Schluck die Lust, ihn zu trinken. Denn sind wir mal ehrlich, kalter Kaffee macht vielleicht schön – aber schmecken tut er keinesfalls (zumindest nicht Ende November bei -2 Grad Außentemperatur).

 

Es bleibt nicht mehr viel Zeit, genau 7 Minuten. Spätestens um 07:03 Uhr müssen wir im Auto sitzen, damit ich maximal 5 Minuten zu spät zur Arbeit komme. Rein in die Jacke, Schal, Mütze – mein Kopf sagt mir, dass ich etwas nicht vergessen darf. Ach, die Matschhose. In der Zwischenzeit ruft der Kleine: „Ich muss noch ein Kuscheltier mitnehmen!“, „Beeil dich bitte.“ 3 Minuten später stehe ich bepackt mit Mittagsbox, Brotzeitrucksack, Matschhose, Arbeitslaptop, Handtasche und einem maunzenden Vierjährigen mit Kuscheltier im Flur und will los. Wie gut, dass ich den Haustürschlüssel heute in die andere Jackentasche gesteckt habe als sonst. Anderenfalls hätte ich alles nochmal ablegen müssen.

 

Jetzt aber auf schnellstem Weg zur Garage. Problem ist nur, dass wir seit September an einer Hauptstraße wohnen, in der zwar 50 km/h gilt, nichtsdestotrotz rasen die Fahrer in ihrer morgendlichen Routine absolut unvorsichtig und oft viel zu schnell vorbei, sodass man diese nur mit einkalkulierter Wartezeit von mindestens 1 Minute und einem steten Nervenkitzel überqueren kann. Auch an diesem Morgen erinnere ich mich zum hundertsten Mal daran, dass ich einen Brief an die Gemeinde schreiben möchte. Und genau in diesem Moment – beim Ankommen auf der anderen Straßenseite – fällt mir dieser riesige Hundehaufen auf. Es ist nicht der erste an der Ecke, aber wie gesagt, er ist enorm. So groß, dass mein Sohn stehen bleibt und meint: „Schau mal. Ich glaube, der hatte keine Mama, die ihm erklärt hat, dass man seinen Müll wegmacht.“ Danke. Es macht den Anschein, als würde sich meine Geduld auszahlen. Auf dem Weg zur Garage gerät der Haufen schnell in Vergessenheit.

Erst am kommenden Morgen und an jedem weiteren Tag bis zum 22. Februar 2025 wurde er uns wieder ins Gedächtnis gerufen. Und zwar jedes Mal, wenn wir an ihm vorbeiliefen und uns fragten, wie lange er wohl noch standhalten würde an dieser Ecke. Er trotzte seither Regen, Sonne, Schnee, Blitzeis, Fußgängern, anderen Hundehaufen (die bald verteilt wurden) und Fahrradfahrern. Bis an den besagten Tag.

 

Es war ein Tag vor einem anscheinend großen Ereignis, denn die meisten sprachen davon, als müsste es einschneidend werden. Ich war nie ein großer Faschingsfan, deshalb reagierte ich stets mit einem Achselzucken. Aber es wurde tatsächlich einschneidend. Doch nicht wegen der Farbenpracht. Wir konnten es beide nicht glauben. An diesem Morgen musste ich nicht zur Arbeit und es war auch kein Kindergartentag, also standen wir an unserem Fenster und beobachteten gemütlich die Störche, die wieder zurückgekehrt waren. Da passierte es. Mein Sohn entdeckte eine Straßenkehrmaschine. Sie fuhr tatsächlich die Straße entlang und säuberte auch die Bürgersteige. Der Haufen musste daran glauben, was uns irgendwie traurig stimmte. Schließlich wurde es Teil unseres Alltags, ihn zu beobachten. ER wurde Teil unseres Alltags.

In einem zweiten Moment fragte ich mich dann jedoch, wieso – einen Tag vor einem Faschingsumzug, an dem die Straße mit großer Wahrscheinlichkeit arg verschmutzt werden würde – alles derart akkurat gereinigt werden musste. Schließlich lag das mittlerweile (ich vermute) steinharte Häufchen doch bereits seit Monaten an derselben Stelle.

 

Am Folgetag war es dann so weit. Wir waren jedoch außerorts und kamen erst am späteren Nachmittag, als das Treiben bereits ein Ende genommen hatte, zurück und gingen zu Fuß nach Hause, da alle Straßen noch gesperrt waren. „Mama, da liegt überall Abfall auf der Straße.“ „Ja, das sind die Überreste des Faschingszuges.“ „Schau mal, Mama, da fahren schon wieder die Männer mit der Kehrmaschine.“ Nebst den Überresten, betrunkenem Gegröle und allerlei an politischen Parolen, die ich meinem Vierjährigen lieber erspart hätte, gingen wir schnellstmöglich nach Hause. Vorbei an der Stelle, an der Horst so lange lag. Wir haben ihn Horst getauft. Schließlich war er lange Zeit ein treuer „Begleiter“ unseres Alltags. Seither liegen an derselben Stelle einige Bonbons, Kronkorken und zwei leere Schnapsfläschchen verteilt. Mal sehen, wie lange diese uns begleiten werden.