Geschäftskunden

Eisdonner

von Matteo del Bianco

„Ach, wir schaffen das schon! Du bist ein Krieger, ein Held, Oskar!“, sagte er, presste es in die kalte, schwere Luft. Seine Worte verloren sich wie sein Atemhauch in den eisigen Wolkenschwaden und dem steten Grollen des Sturms. Sein Blick streifte über das Schneefeld vor ihm. Wie ein Segel schien es im grauweißen Dunst zu hängen. Er konnte nur schwer abschätzen, wie tief denn dieser heimtückische Schnee war. Im Schätzen war er, um ehrlich zu sein, noch nie gut gewesen. Aber er hatte den Berg bis hierher erklommen, obwohl ihm dieser rutschiges Eis und hinterhältiges Geröll entgegengestemmt hatte – so hatte es sich für ihn angefühlt. Ganz falsch mag es nicht gewesen sein, aber üble Absichten hegen weder Baum noch Berg noch Wind. Da staunte er, hob seinen Blick ins Wogen des aufgedunsenen Schneegestöbers über ihm. Denn blasse, fahle Blitze fletschten wie eine hämische Fratze im gequollenem Antlitz des Sturms auf. Es gewitterte. Im Winter! Er witterte Übles oder gar Gewaltiges. Und dann grollte es wieder, dumpf dröhnend und gletschern. Doch er glaubte eine Art Stimme darin wahrzunehmen, eine Klangprägung wie schwarzes Eis. Oskar schauderte und wankte, als eine Windböe sich wölfisch auf ihn stürzte und versuchte, ihn den Hang hinunterzureißen. Seine Finger griffen den Speer fester, klammerten sich daran, und er hielt stand. Welch Unwesen da wohl unaussprechliche Undinge gegen wehrlose Menschen wetterte! Es hatte sicherlich den Hof verwüstet, den er zu Füßen des Berges gefunden hatte! Es war also etwas, was er bezwingen wollte, niederringen sollte! Denn er war ja ein Held. Da entbrannte die Glut in seinem Herzen in Zorn und Mut. Und er wäre auch losgestürmt. Aber beim ersten Schritt nach vorn zog der Schnee schon frostig schelmisch sein Bein bis zum Schenkel in seinen eisigen Schlund. Die klamme Kälte drang tief durch seine Beinkleider. „Fff“, schnappte er kurz, und feuchtkalte, schwere Luft kroch in seine Lungen, als hätte sie nur darauf gewartet. Das machte es ganz und gar nicht besser. Mit einem Stöhnen hievte er sich auf. Inzwischen grollte oder grummelte es gar fast durchgehend und Blitze gleißten fletschend durchs finstere Grau. Oskar seufzte und legte seine Rüstung ab. „Bald hab ich dich!“, sagte er zu sich. Dann machte er sich daran, den tückischen Schnee zu durchqueren. Er taumelte, wühlte sich dabei halb vorwärts. Oskar fühlte sich ein bisschen wie eine Wühlmaus, was er aber niemals jemandem erzählen würde. Der Schnee, kalt und unnachgiebig wie Eisen, fräste Dornen in sein Fleisch, wie sehnsüchtige Todesklauen streiften sie über ihn – was er sich mit etwas mehr Fantasie, als er hatte, auch hätte vorstellen können. Das hätte ihm allerdings sicher auch nicht geholfen. Die Kapuze, jeden Mantelsaum, den er greifen konnte, zog Oskar fester um sich. Doch Kälte strömte um ihn. Irgendwann spürte er sie kaum oder gar nicht mehr, nur seinen kühl glimmenden Mut. Das Wintergewitter gleißte über ihm. Donnerrauschen hallte wie Welle auf Welle in alle Weiten, und die fahlen Blitze mäanderten durch die eisigen Wogen wie Sonnenlicht auf Meeresfluten. Und Oskar schritt Schritt für Schritt voran. Endlich stieß er auf etwas. Das Grollen dröhnte über seinem Haupt. Erst dachte er, es wäre nur Eis, ein rundlicher, glatter Block, wenn man schätzen wollte. Aber es war zu dunkel, die Kanten und Fugen verliefen allzu weich, beinahe organisch. Es grollte wieder, und es regte sich auch, rutschte anscheinend mit Wonne im fleischfetzendem Eis hin und her. Dann sah er noch so ein Gebilde, nur etwas kleiner. Da begriff er; es waren Zehen, riesige Zehen. So groß wie er selbst. Es war also ein Riese! Es war etwas aus alten Sagen, etwas Ungeheuerliches, etwas, was er bezwingen musste! Das war sein Moment! Oskars Mut flammte wieder auf. Mit aller Kraft, die er wider den widrigen Witterungen aufbringen konnte, stieß er den Speer ins Ungeheuer. Fast so, wie Oskars Mut durch die eiserne Kälte gedrungen war, so drang die Spitze in die eisige, feste, fast eherne Haut des Riesen etwas ein. Er fühlte sich wie ein Sonnenstrahl in der Finsternis. Der Zeh zuckte. Und ehe sich Oskar vorsehen konnte, kribbelte es, als würden überall klitzekleine, frostfeurige Käferchen krabbeln. Wie ein Wurm waren Blitzchen seinen Speerschaft entlang gekrochen und hatten sich über ihn ergossen. Für einen Moment glaubte Oskar nicht mehr die Kälte zu spüren, nicht einmal den Boden unter den Füßen, nur diese kribbelnde Leichtigkeit, die sich wie Abertausende brennende Schnüre um ihn schlang. Es flackerte kurz vor seinen Augen. Dann war es dunkel und er spürte nichts. Es ängstigte ihn. Dann verflüchtigte sich die Taubheit und er spürte Frost und Wind wieder über ihn herfallen. Oskar riss die Augen auf, schnappte Luft – samt Schneeflocken, die aber merkte er kaum. Man hätte ihm die Bestürzung wie einen Erdrutsch ansehen können. Er fasste sich wieder und hievte sich einigermaßen mit dem Speer den Zeh hinauf. Er war wie vom Schlag von dieser unheimlichen Kraft getroffen worden und diese hatte die klamme, kalte Hülle, diese Todeskruste an Frost geborsten. Ihm war, als sei Eis in seinem Herzen aufgebrochen. Und nicht mehr kühl glomm sein Mut, wie Nachtfrost im Morgengrauen, sondern wie eine gleißende Lichtspitze durch dunkle Wogen. Er stellte sich auf und rief: „He!“ Doch der Riese donnergrollte weiter, als hätte er ihn nicht gehört. Von unten sahen die eisig gleißenden Blitze im Auge des Wintergewitters wie höhnisches Zähnefletschen aus. So nahm es Oskar wahr und es entzündete nur noch mehr Zorn in seinem Mut. „Hee!“, brüllte er aus tiefer Kehle, so laut, dass es vielleicht einen Bären aufgeschreckt hätte. Aber Oskars heldenhaftes Grölen ging im ganzen Grollen unter. Da stieß Oskar mit überspitzem Zorn den Speer in den wulstigen Fußrücken, ohne bedacht zu haben, dass Blitzwürmchen ihn wieder anfallen könnten. Und er schrie aus ganzem Leib. Es kribbelte, funkelte überall an ihm und diese unheimliche Kraft stieß durch ihn aus seinem Leib mit gleißender Wucht seinen Schrei in den Sturm. Und er schrie mit Zorn und Mut, bestimmt auch aus Angst – es wäre schwer zu sagen. Doch dieser Schrei hätte dem Rachen eines Drachen entspringen können. Das Grollen hielt inne. Oskar sah zwei glimmende Augen auf ihn herunterblicken. Sie hingen wie zwei volle blaue Eismonde im grauweißen Gestöber. Das Gesicht war unerkennbar von Wolkenwogen verhangen. Die riesigen Augen senkten sich. Oskar wurde bange. Der Schnee, das Gestöber, der Boden, alles schien sich zu regen. Er fühlte sich klein, sehr klein, klitzeklein. Diese Angst wölbte sich um ihn, schloss ihn drängend und beklemmend ein. Und doch ließ sie sich nicht greifen oder auch nur streifen. Oskar raffte und straffte sich, schaute auf. Das Antlitz hing gewaltig über ihm. Diese blau-gleißenden Augen, ganz azurn, strömte es Oskar in den Sinn. Graue Haare wallten wie die Wolkenwogen mit fahlem Schimmer. Das Gesicht selbst schien glatt und gräulich, fast marmorn. Die Töne flossen und strömten bei jeder Regung. Und, ach!, die Augen darin glommen und blitzten Lichtblitze und Frostglut. Da hörte er wieder das Ächzen und Knarzen. Und ein gewaltiger Mundschlund machte sich auf wie schwarze Gletscherspalten. Es grollte, vielleicht grummelte es auch nur, merkte Oskar und hielt fest, insbesondere an seinem Speer. Er glaubte etwas vage Melodisches, diffus Harmonisches darin wahrzunehmen, gewaltig wie es war. Er blinzelte. Die Augen des immensen Riesen hoben sich wieder. Er bewegte einen Fuß, grollte, donnerte, und die halbe Welt, darunter auch Oskar, bebte. Ein Wind heulte auf und stürmte gen Himmel. Das schwere, gedunsene Gestöber lichtete sich ein wenig, schien wie Vorhänge endloser Falten oder praller Wolkensegel weit um ihn herum hinauf zu streben, wand und verschnörkelte sich, wölbte sich weit über den glimmenden Augen des Riesen. Und feine, fahlblaue Blitze flossen und ergossen sich sanft, fast zahm, in Mäandern und in Streben herab. Oskar staunte. Das Staunen machte sich in ihm so breit wie ein Schlund und verschlang dabei Zorn und Mut sowie Furcht und Angst. Nur dieses Staunen blieb. Dann spürte er, wie all dieses Stürmen sich in die Ferne wandte. Der Fuß regte sich ruhig und streifte über den Schnee mit fast tänzerischer Anmut. Behutsam rollte sich Oskar ab, froh, keine Rüstung zu tragen. Als er aufschaute, gleißten die Augen des Riesen auf, die Welt wurde grell und blau – als würde ein azurner Hauch hindurchfahren, ging es Oskar durch den eigentlich nicht so dichterischen Kopf – er war selbst kurz davon ganz überrascht. Ein Blinzeln und der Schein war fort – und fort war auch der immense Riese. Nun ja, er hätte ihn auch nicht wirklich bezwingen können, wollte es auch gar nicht mehr. Es stürmte nicht mehr, aber einige weiße Schneeflocken glitten unsichtbaren Spiralen herab und funkelten ein bisschen, wenn ein sachter Sonnenstrahl durch die abgeschwollenen, weichen Wolkengewölbe brach. Oskar blickte unwillkürlich in die Ferne. Er atmete tief durch. Die Luft war kalt, aber leicht, und leicht war sein Mut, fast feenleicht und warm. Da lachte Oskar laut auf. „Nicht was ich erhofft hatte!“, erhob sich seine Stimme voll Klang und gleißendem Mut. Donner hallte. Nun musste er nur wieder die weißen Hänge und grauen Wälder hinabsteigen. Er wünschte, er hätte einen Schild. Bergab ist es immer schwerer als bergauf. Oskar schmunzelte und machte sich trotz allem leichtfüßig auf den Weg.