„Hab dich!“, rief es auf dem weiten, hellweißen Platz zwischen seinen stillstehend schönen Baumrändern. Ein leises Rauschen ging durch das durstige Blattwerk. Man hörte das knirschende Kratzen einer flinken Bewegung auf Kies. Man roch die stehende Hitze der vergangenen Hochsommertage und den rettenden Beisatz von etwas frischer Donauluft. Man schmeckte das Keuchen und Rennen der euphorisierten Spielbeine. Da waren sie, wie jeden Tag, so euphorisch, so endlos. Wie jeden Tag, zeitvergessen – und spielten sich die Seele aus dem Leib, die Seele in den Leib, bis sie kaum mehr Platz hatte. Bis der Schweiß langsam aus ihren Poren kroch, rannten sie, rannten miteinander, voreinander, füreinander und vor der faden Welt erwachsener Erwartungen davon. Das taten sie alle – Marie, Amir, Hayad, Hosna.
Keiner aber rannte so wie Hosna, keiner wusste sich so gut in Sicherheit zu bringen, keiner trug den Staub des Dultplatzes so hinter den Fersen her wie sie, Hosna. Powerpuder nannten sie es, und es klebte an ihren Sohlen wie Pech an Schwefel. Powerpuder, wenn der Boden seine Ruhe nicht wiederfand, nachdem einer darüber gerannt war. „Hosna, gib’s zu, du bist doch mal eine wirkliche Gepardin des Dschungels gewesen, sag ehrlich“, mutmaßte man staunend. „Ich werde wieder eine sein und dann müsst ihr um euer Leben rennen“, entgegnete sie stolz, selbstsicher, als würde ihr eigenes Leben niemals dem Tod begegnen. Ihre Augen blitzten glasig wie die einer Raubkatze. Sie war die Superheldin in roten Turnschuhen, eine laute Träumerin mit strähnigem Haar, frech lächelnd und mit einer überrumpelnd tiefen Iris. Hinter ihr stand ein laut jubelndes und tobendes Gefolge aus Kindern, denen tagsüber die Welt gehörte, die Hosna mit ihnen erschuf. Sie war gebaut aus nichts als der Sicherheit, dass alles möglich sein müsste und kam mit nichts als der gähnenden Leere eines Platzes aus. Ihr Platz war die heilige Stätte ihrer grenzenlosen Fantasie. So konnte er rosa-türkis-anemonischer Planet werden, konnte dämonisches Höllenfeuer werden, konnte der Bauch eines Wals sein oder der Ort, an dem die Engel tanzten. Nur manchmal vermissten sie den Zirkus.
All das, was er mitbrachte: die Freude, den Mut, den geteilten Glauben daran, dass das Unmögliche eigentlich möglich ist. Als Hosna daran dachte, formte sich zwischen ihren zarten, aber dunklen Brauen ein Entschluss: Sie wollte dafür sorgen, dass der Zirkus fest an ihrem Platz einzog.
„Morgen kommt der Zirkus zurück, bis dahin musst du noch weglaufen. Hab dich!“, rief sie triumphierend.
„Das sagst du seit Wochen, du Affenarsch“, platzte es aus Amir.
„Irgendwann wird es stimmen. Wenn du in die Wolken schaust, was siehst du dann?“
„Da ist das Zirkuszelt“ sagte Marie nach kurzem Zögern.
„Schau! Meine Mutter hat immer gesagt: Wer in die Wolken guckt, guckt in die Zukunft. Schließlich regnen sie auf uns hinunter.“
„Schwachsinn. Meine Eltern sagen immer, hier gehört ein Parkhaus hin.“
„Selber Schwachsinn. Es kann doch kein Zufall sein, dass du genau das siehst.“
„Wolken sind nur irgendein Wasser, das irgendwie zusammenkommt und sich dann langsam durch den Himmel schiebt wie so ein altes Schiff.
Aber gut, wenn du willst, bete ich mit dir. Auch wenn ich nicht an Gott glaube.“
„Ich glaube auch nicht an Gott, ich glaube an Götter. Und ich glaube, sie glauben an mich, oder was denkt ihr, warum ich so schnell bin und fast immer gewinne?“
Zwischen den beiden Schultern von Hosna federten nach diesen Sätzen kurz zwei Flügel hervor. Keiner wagte darüber zu sprechen. Keiner konnte genau sagen, ob das nun die Götter waren oder ein lebendiger Streich ihrer eigenen Fantasie.
„Diese Hunde, diese blöden Hunde! Diese Ratten, diese Rattenfänger!“ schallte die Stimme, mal bibbernd, mal entbrannt, aber verloren auf dem großen Gelände ohne Ohren. Keiner außer den anderen Kindern hörte die Scherben der Verzweiflung in Hosnas Stimme. Keiner traute sich, etwas zu sagen. Ihre Augen wechselten stumm zwischen dem Boden und der Höhe, in der sich Hosnas Wut entfacht hatte. Unten beobachteten sie schweigend, wie sich der Staub heute kaum zwischen den Steinen abhob. Wie schwere Wolken hing er an den schlurfenden roten Schuhen. In der namenlosen Luft, wo vor wenigen Wochen der Riesenparmakelbaum wuchs, die geliebte doppelt strahlende Lichtrutsche stand oder das violette Flügelschwein schwebte, prangte jetzt ein ziemlich konkretes, ziemlich klares, von dicken Balken gestütztes Schild. Es war weit über ihren Köpfen angebracht und riesengroß. Ungreifbar stand es da und gab keine Regung, wie sehr sich Hosna auch lautstark um eine Rechtfertigung bemühte und ihre Schreie adressierte. Es antwortete nicht, trotzte jedem Gebrüll, mahnte, nur noch größer zu werden. Die Zahlen waren so lang, dass keiner den Versuch machte, sie auszusprechen.
„Also doch kein Parkhaus“, versuchte es Amir mit aufmunternden, sanften Worten.
„Aber eben auch kein Zirkus, diese Hunde, diese Sauhunde!“, fluchte Hosna.
„Außerdem es wird eine A U T O B A H N!“, buchstabierte sie wild gestikulierend, ihre Strähnen peitschten dabei mit 130 durch ihr Gesicht. „A U T O B A H N“, wiederholte sie noch einmal, schneller, lauter, klarer – sodass sie vor ihrer eigenen Klarheit erschrak, ganzkörperlich in eine resignierte Rast verfiel, dabei leicht in sich zusammensackte, wobei ihre Augenwinkel wässrig zu glitzern begannen. In diesem Moment ertranken sie kurz gemeinsam, schweigend in dieser ungewohnten Verletzung.
Die Sohlen des roten Schuhs stoben wie die Hufe eines gut trainierten Rennpferdes. Ihre Mähnen verdichteten sich zu einem großen, wilden Haarhaufen, und zwischen ihnen lag die Kraft des Triumphes. Es war der Triumph von denjenigen, die beschlossen hatten, sich trotz allem nicht geschlagen zu geben. Der Gewinn derer, die sich nicht ungefragt zu Verlierern machen. Alles schien wieder möglich. Es war, als hätte Hosna das elegante Tigerblitzen mit den anderen geteilt und sie damit zu einer nicht zu bändigenden Herde gemacht. Die Bereitschaft hatte es bis in die letzten Winkel ihrer kleinen Körper geschafft, wie bei einem wirklich motivierten Fangenspiel. Als Nächstes platzte es aus ihren Mündern:
„Das ist unser Platz. Unser, unser, unser“, stimmte Hosna an.
„Platz! Platz! Platz!“, stimmten die anderen ein.
Sie drängten sich zusammen zu einem Kreis. In ihrer Mitte versammelten sie nur die besten, seltensten Schätze, die sie gleichzeitig aus ihren Taschen holten. Jeder hatte etwas mitgebracht, etwas, das man entbehren musste. Es gab den besonders gelackten roten Knopf von Marie, von ihrem Lieblingskleid, das sie für ein Fest bekommen hatte. Einen mit Glitzersteinen besetzten Hasen, den Amir vorsichtig aus seinen Händen gleiten ließ und nahezu unsichtbar die Finger zu einer Abschiedsgeste hob. Den Rest der tiefblauen Kerze und den gelben Ballon, den Hosna von einer Clownin geschenkt bekommen hatte.
„Wenn wir das hier vergraben, werden die Götter verhindern, dass hier eine Autobahn hinkommt. Wirklich. Aber ihr müsst alle fest dran glauben. Versprochen?“
„Versprochen.“
„Auf drei werfen wir die Erde drauf, die Nicht-mit-uns-Erde.
Eins, zwei, drei.“
Die Erde stolperte zielsicher in das vorgesehene Loch.
„Weißt du was, warum hast du nicht das blaue Spielzeugauto von deinem Bruder mitgebracht?“,grinste Amir: „Ich hab ein extrastarkes Feuerzeug. Danach wäre hier kein doppelt gesicherter Wagen mehr durchgekommen. Stell dir vor.“
„Lass gut sein, Amir. Wir müssen uns einfach gedulden. Davor musst du noch einmal vor mir wegrennen, hab dich.“
„Hab dich lieb.“
„Weißt du, vielleicht wollten die Götter nur testen, ob wir wirklich an sie glauben oder ob wir sie so schnell vergessen, sobald wir wütend werden, wie dein Vater deine Mutter.“
„Er hat sie nicht vergessen, er kann nur nicht so gut über sie reden. Und wir sollten nicht zu oft über sie reden. Jetzt sei leise und renn!“
