Manchmal verändert ein einzelner Flügelschlag alles.
M. lag in der Badewanne. Das Wasser war angenehm heiß. Endlich Entspannung. Endlich hatte sie ein bisschen Zeit für sich. Die Woche war wirklich sehr anstrengend gewesen. Die Matheschulaufgabe am Mittwoch war zwar gut gelaufen, aber es war ein Kraftakt gewesen, sich die letzten Tage darauf vorzubereiten. Sie hatte Schwierigkeiten gehabt, sich zu konzentrieren. Mittwoch war sowieso ihr Hasstag wegen der Doppelstunde am Nachmittag. Bis sie mittwochs mit dem Bus nach Hause kam, war der Tag gelaufen und sie konnte nur noch wie tot ins Bett fallen.
Ein Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. T. fragte auf der anderen Seite der Tür: »Bist du in der Badewanne? Kann ich kurz reinkommen und die Toilette benutzen? Ich muss ganz dringend!«
Etwas überrumpelt antwortete sie: »Ja … Okay.« Sie hörte, wie die verschlossene Tür von außen geöffnet wurde. Sie bemühte sich, unter der Schaumdecke zu bleiben, und bewegte sich nicht mehr. Sie war ganz froh, dass sie zuvor beim Badezusatz nicht gespart hatte und sich die doppelte Menge des Pure Relaxation Badezusatzes mit duftendem Patschuli von Balea gegönnt hatte. Das schäumte nämlich immer so schön. Alles gut, nichts war sichtbar.
Sie blendete das laute Plätschern von T.’s Urin aus und konzentrierte sich auf den Schaum um sie herum. Endlich die Spülung. T. wusch sich die Hände, bedankte sich und verließ das Badezimmer wieder. Ging ja ganz schnell. Eigentlich kein Problem.
Ihre Mutter und T. saßen lachend am Esstisch, als M. die Wohnküche betrat. Wie schön, dass sie den Streit der letzten Tage endlich vergessen hatten.
»Guten Morgen«, begrüßte sie die beiden. Sie lächelte, weil die Vormittagsstrahlen der Sonne dem Esszimmer eine so angenehme Freundlichkeit gaben, die es ab Mittag nicht mehr hatte, weil die Sonne dann nach Westen wanderte.
»Guten Morgen«, sagte ihre Mutter, »hast du gut geschlafen?«
Sie nickte. »Hauptsache ausschlafen am Wochenende.« Sie mischte ihr Müsli mit etwas Milch in der gelben Schüssel mit den blauen Blumen.
Beim Essen schwieg sie und beobachtete das Gespräch zwischen ihrer Mutter und T. Sie hatten vor, abends wieder angeln zu gehen, und fragten, ob sie mitkommen wollte. Sie schüttelte den Kopf, weil es beim letzten Mal doch ein bisschen langweilig für sie gewesen war. Stattdessen schlug sie vor, später noch gemeinsam Karten zu spielen. Sie liebte Spielenachmittage. Seitdem T. da war, spielten sie richtig viel miteinander. Eigentlich war ihre Mutter kein großer Fan von Gesellschaftsspielen, aber anscheinend hatte ihr einfach der richtige Mitspieler gefehlt.
»Ach übrigens – S. und ich haben Schluss gemacht. Er wird also erstmal nicht mehr vorbeikommen und ihr müsst mich auch nicht mehr zu ihm fahren«, warf M. beiläufig in das Wohnzimmer, in dem T. und ihre Mutter saßen.
»Diese Fahrerei war aber auch nervig«, brummte T.
Ihre Mutter fragte: »Ist irgendwas passiert? Ihr habt euch doch gut verstanden?«
Sie winkte ab. »Ach – ich weiß auch nicht, er hat mich zuletzt immer irgendwie genervt und dann haben wir darüber gesprochen und sind im Guten auseinander gegangen. Das passt schon so. Mir geht’s gut.« Sie lächelte.
»Na gut, alles klar«, sagte M.’s Mutter. Sie stand auf und küsste M. zum Abschied auf die Wange. »Ich muss jetzt los. Ich bin eh schon zu knapp dran und Herr L. meckert immer, wenn man auch nur fünf Minuten zu spät einstempelt, obwohl wir alle eh früh genug kommen, um alles vorzubereiten, bevor die ersten Leute den Laden betreten.«
»Okay, dann bis heute Abend«, sagte M. und ließ sich auf die Couch neben T. fallen. Sie planten gemeinsam den restlichen Tag. Später wollten sie beim Bäcker in H. einen Erdbeerkuchen in Herzform für ihre Mutter als Überraschung zum Geburtstag am nächsten Tag holen. Der Erdbeerkuchen beim Bäcker in H. soll besonders gut schmecken. Deswegen wollten sie extra nach H. fahren, obwohl es in N. natürlich auch Bäcker gegeben hätte, die Erdbeerkuchen verkauften. Aber das störte sie eigentlich nicht. M. war froh, dass T. sich etwas Schönes für ihre Mutter überlegt hatte.
Plötzlich war etwas anders und sie fühlte sich seltsam. Merklich unangenehm. Sie spürte einen Kloß im Hals und konnte sich nicht mehr bewegen. Ein dumpfer Druck im Bauch. Mit einem Mal beobachtete sie sich und T. von oben, oder von der Seite? Was war mit ihrem Gesicht los? Es fühlte sich unwirklich an, wie in einem Film. Hatte sie zu viele Filme gesehen? Lief das wirklich so ab wie im Film?
T. deutete auf ihren Bauch und fragte: »Darf ich dich hier küssen?« Sie sagte nichts und bewegte sich nicht mehr. Sie spürte einen starken Juckreiz am Rücken, aber sie bewegte sich nicht. Tunnelblick. Was war mit ihren Augen los? Ihre Augen sahen gelb aus. Nein, ockerfarben und viel größer. Das waren besondere Augen.
Der Juckreiz wurde stärker und sie erwachte aus ihrer Schockstarre. Sie wollte sich endlich am Rücken kratzen, bewegte ihre rechte Hand und erschrak. Denn da war keine Hand mehr. Wo noch kurz zuvor fünf Finger gewesen waren, wuchsen nun grau-weiß melierte Federn aus ihrer Haut. Ihre Hände juckten ebenfalls. T.’s Augen weiteten sich und er stammelte: »Was zum Teufel …?«
Endlich spuckte sie eine Antwort aus – sie wollte bestimmt, laut und deutlich »Nein« sagen. Aber als sie den Mund öffnete, kam nur ein unbestimmbares Fauchen heraus. Sie fauchte ihn an. Sie konnte spüren, dass sich die Dynamik verändert hatte. Dass er Angst vor ihr hatte.
Als sie ihre Hand – nein, ihren Flügel – zu ihrer Schulter bewegen wollte, um sich zu kratzen, traf sie T. unabsichtlich am Oberkörper und schleuderte ihn mit unbändiger Kraft von der Couch auf den Boden. Er stöhnte auf und hielt sich die Rippen. Einer seiner Knochen hatte laut geknackt. Sie war plötzlich so groß, sie hatte ihre Gliedmaßen nicht mehr unter Kontrolle und verstand nicht, was vor sich ging. Vollkommen überfordert mit ihrem neuen gefiederten Körper blickte sie sich hektisch um. Das Zimmer kam ihr plötzlich so klein vor. Sie musste den Kopf einziehen, um nicht gegen die Decke zu stoßen. War der Raum schon immer so klein gewesen?
Beim Versuch, sich umzudrehen, stieß sie den Wohnzimmertisch um. Alles, was darauf lag, fiel zu Boden und hinterließ Scherben. T. schreckte zurück. Der Türrahmen wirkte so eng, sie hatte nicht das Gefühl, da noch hindurchzupassen. Aber sie musste hier raus. Sie musste an die frische Luft und einen klaren Kopf bekommen. Sie wollte den Wind in ihren Haaren spüren. In ihren Haaren? Wo waren ihre Haare?
Der einzige Ausweg aus dem Zimmer war das breite Fenster. Hier könnte sie hindurchpassen. T.’s Wimmern nahm sie schon lange nicht mehr wahr. Er existierte nicht mehr für sie. Er war jetzt keine Gefahr mehr. Als sie Anlauf nahm, um durch das geschlossene Fenster hindurchzubrechen, wurde T. panisch. Er war verwirrt, in welche Richtung sie sich bewegen wollte, und geriet beim Versuch, sich in Sicherheit zu bringen, genau unter ihre scharfen Krallen. Sie befand sich im vollen Lauf und schlitzte T. dabei den Oberkörper auf. Mit ihrem rechten Flügel warf sie sich gegen die Fensterscheibe und gelangte unter großem Lärm nach draußen.
Sie rannte die Straße entlang. Das erste Mal die Flügel ausstrecken. Was für ein Gefühl! Was für ein Gefühl der Wind auf ihrem Gefieder hinterließ. Sie stieß sich ab und konnte es selbst nicht begreifen. So frei hatte sie sich seit Monaten nicht mehr gefühlt. So viel Streit, so viel Angst. So viel Wut und so viel Angst. Nichts davon spielte jetzt noch eine Rolle. Nach einigen starken Flügelschlägen ließ sie sich elegant in den Gleitflug fallen.
