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Geschenktes Leben

von Anna Mazzaglia

Es kann das Erfüllendste auf der ganzen Welt sein und gleichzeitig das Schmerzhafteste. Man kann es nicht wie eine Geschichte vorschreiben oder bestimmen, was geschieht, und genauso wenig kann man das Ende, geschweige denn den Anfang bestimmen. An manchen Tagen regnet es mehr, als dass die Sonne scheint, und zu anderen Zeitpunkten leuchtet dieses Gestirn so sehr, dass man das Gefühl hat, man würde durch die entstehende Hitze verbrennen. Eine Mitte zu finden, wie diese zwei atmosphärischen Bedingungen zur gleichen Zeit, damit ein Regenbogen entstehen kann, ist selten und bei einigen nahezu unmöglich. Denn bei manchen gibt es diese beiden Wetterzustände nicht gemeinsam. Es ist, als würde man warten, bis endlich eine Panaschierung zu sehen ist, doch diese zeigt sich nie. Die Erleichterung liegt einem nach zu langem Warten fern und je mehr man Erholung sucht, desto weiter fließt sie einem aus den Händen. Dadurch entsteht eine andere, empfindliche Emotion, die Hoffnung. Doch wie lange hält eine derartige Zuversichtlichkeit an und wie kann diese aktiv in das Leben integriert werden, wenn sie einem doch so oft genommen wird? Ein Mensch kommt auf die Welt ohne Träume, Hoffnungen und auch mangels jeglichen Wissens, denn all diese Dinge bilden sich nach und nach auf einem Weg, dem Weg des Lebens. Jeder von uns ist gleich und dennoch verschieden, weshalb es den Anschein macht, als wären wir uns alle fremd. So gesehen sind wir es auch. Denn keiner kennt den Namen eines jeden Zeitgenossen und auch nicht seine Geschichte, sein Gesicht oder seine Sprache. Trotzdem sind wir alle gleich. Haut, Knochen, Blut, Organe, Wasser und alles, was einen Menschen bildet. Doch wir sind grundverschieden in den Emotionen, überdies Handlungen. Wo der eine Hoffnung spürt, fühlt der andere Hoffnungslosigkeit. Wo einer Freude empfindet, trauert ein anderer. Dort, wo Licht ist, wird immer Schatten sein. Manche zieht die Helligkeit an, während andere in die Dunkelheit gezerrt werden. Das Leben, es ist unerklärlich, genauso wie die Emotionen, die den Charakter eines jeden formen. Gefühle, welche durch Erfahrungen, gute sowie schlechte und gleichzeitig von äußeren Eindrücken gebildet werden. Man wird auf das, wie viele sagen, „geschenkte Leben“ nicht vorbereitet und doch werden bereits ab jungem Alter Erwartungen gestellt, die lange Zeit andauern können. All diese Jahre bilden einen jeden. Während jene, die der Sonne nahestehen, glänzen, sind andere, die in den Schatten gezogen werden, im Hintergrund. Einige schaffen es heraus, sie kommen der Sonne näher, doch weitere bleiben im Schatten, der sich irgendwann wie eine warme Decke um sie wickelt.

 

Das Leben, welches unzähligen Menschen geschenkt wird, trägt demzufolge viel mehr in seinen Tiefen, als man auf den ersten Blick erwarten mag. Es ist, wenn man so recht überlegt, oftmals schwer bis unmöglich ,oberflächlich betrachtet, zu greifen, was ein jeder auf dieser Welt mit sich bringt. Tagtäglich laufen die unterschiedlichsten Menschen an einem vorbei und jeder einzelne hat eine Geschichte in sich, ein eigenes Buch mit Einleitung, Hauptteil und Schluss. Bei diesen Geschichten gibt es jedoch keine Vorgaben, wie der Schreibstil oder die Anzahl der Seiten und Wörter sein soll, wann die Wendung zum Höhepunkt stattfindet oder wie der Schluss eingeleitet werden muss. Zugleich hält man bei manchen, oftmals vielen Teilen des Lebens, den Stift nicht einmal selbst in der Hand.

 

So stellt sich wieder die Frage: Ist dieses Leben wirklich ein Geschenk? Für viele mag es das sein, aber was ist mit den Menschen, die im Schatten sind? Geschenke sind normalerweise etwas Schönes, worüber man sich freut und das man positiv in Gedanken behält. Doch diese Art von Präsent hat seine Ecken und Kanten, die oftmals schmerzen, wenn man sie übersieht und daran hängen bleibt. Es hat einen bitteren Beigeschmack, der nicht so schnell vergeht. Zudem kann es nicht einfach umgetauscht werden wie materielle Geschenke. Um diese Art von Präsent muss man sich selbst kümmern, sobald ein entsprechendes Alter erreicht ist. Dieses Geschenk wird einem wortwörtlich in die Hände geworfen, ohne eine Bedienungsanleitung.

 

Nichtsdestoweniger hört man immer wieder, dass man gewisse Dinge auf verlangte Weisen ausführen soll. Man bekommt oftmals anstatt einer Umarmung unkonstruktive Kritik, welche in gewissen Momenten weder hilfreich noch aufmunternd ist. Das Leben mag von vielen vielleicht als Geschenk bezeichnet und gesehen werden, dennoch wird es in der Hinsicht anderer schnell zu einer Last. Aus der Sicht unzähliger Menschen, die im Schatten gefangen sind, wäre es demnach ein Geschenk gewesen, sie unberührt zu lassen, jedoch kann dies keiner beeinflussen. Im Grunde genommen ist das Leben einfacher zu geben, als zu nehmen. Manchmal wächst der Wunsch, es würde einfach aufhören, doch selbst dafür müsste man eigenständig sorgen. Erneut kommt man an den Punkt, an dem man sich fragt, ob es denn wirklich ein Geschenk ist, wenn man dieses nicht einmal zurückgeben oder umtauschen kann. Anforderungen bleiben von Anfang bis Ende bestehen, obwohl weder ein Probelauf noch Warnhinweise zum Gebrauch existieren. Trotz allem entsteht zu diesen Dingen auch ein Widerspruch, wenn man gesagt bekommt, dass im Leben nichts geschenkt sei. Warum sollte dann die Erschaffung eines jeden ein Präsent sein? Viele sehen es vielleicht als ein solches, aber „viele“ definiert noch lange nicht alle. Manchmal kommt es einem so vor, als wäre all das ein Basiliskenei, oder anders formuliert, eine böswillige Gabe. Dieser Anschein wird vor allem dann stärker, wenn negative Dinge ohne Rast geschehen und man sich nach einem Ende sehnt. Es passiert oftmals bei nahezu jedem Menschen, der existiert. Man überlegt letztendlich in stillen Momenten: Hinterfragen noch mehr Sterbliche, ob das Sein eine Beschenkung oder Bestrafung ist? Womöglich wird es immer eine gespaltene Thematik bleiben, denn jeder von uns spürt, denkt und stellt sich etwas anderes vor, wenn diese Frage fällt. Ein Teil verliert sich in diesen Zeilen, während andere vielleicht den Hintergrund nicht greifen können.