Geschäftskunden

Hellbach

von Clara Stahl

Mein Nachbar Johannes war bei den Pfadfindern. Er zeigte mir den Weg zum alten Dorf. Im Böhmerwald gibt es einige solcher Orte. Ausgestorbene Dörfer, deren Namen heute niemand mehr kennt, ohne sie irgendwo, beispielsweise in alten Wanderführern, nachzulesen. Orte, die aus der Zeit gefallen sind, und die nur der Wald aufgefangen hat. Zumindest hatte das mein Vater behauptet. Gesehen hatte ich keines. Selbst jetzt hörte ich es, bevor ich es sah. Johannes drehte sich zu mir um. Sein Blick sagte: „Ich habe es dir doch gesagt.“

Da waren Schläge. Nicht die eines Spechtes. Schläge, wie wenn ein Kind zwei Steine energisch aufeinanderschlägt, damit sie aufbrechen. Da war auch Gelächter und darunter: Geflüster. Oder war das der Wind, der die Bäume an den Zweigen zog? Es stellten sich mir die Haare auf den Armen auf.

Es war April. Der Frühling war warm, aber er war es anderswo. Im Wald war es schattig und kühl. Man konnte spüren, dass diese Schatten alt waren, dass sie jahrzehntelang mit den Bäumen gewachsen waren. Man konnte sich gut vorstellen, ein Tier zu sein, ganz gleich welches, und mit der Schnauze voran durch diese kalte, echte Welt zu wandeln.

Ich blieb stehen. Über uns ein leichtes, ungeborenes Grün und die Rufe junger Vögel. Und zu unseren Füßen das Moos. Es hatte erst gestern geregnet, und so leuchteten die verschiedenförmigen Moose, die einen dichten Teppich bildeten. Junge, eingerollte Farne wie dünne, eingerollte Embryos. Ich wollte mein Gesicht in den Boden drücken, wo dieser lebendige, erdige Geruch entsprang. Ich wollte den Atem des Waldes direkt inhalieren, wie wenn zwei Menschen sich die Luft zwischen ihnen teilen, bevor sie sich küssen. Es roch wie bei uns im Keller, wo die Wände feucht waren und auch überall Spinnennetze hingen. Ein alter, dunkler, nasser, ein guter Geruch. Ich wollte für immer hierbleiben, ganz still, und ein weiterer atmender Teil dieses großen Geflechts aus atmenden Wesen werden. Und wäre Johannes nicht da gewesen – ich hätte mir die Schuhe ausgezogen und hätte mich ins Moos gelegt.

Eine Sehnsucht überkam mich. Eine Stunde von unserem Dorf entfernt, das durchaus lebendig war, und das lebendig und aufrecht gehalten wurde von all den Blicken, die Tag ein Tag aus über die Straßen huschten und die Ortschaft aushöhlten, und den geflüsterten Worten, die man auch hätte schreien können, weil eh schon jeder alles wusste. Eine Stunde waren wir hierhergelaufen und ich spürte eine Sehnsucht, die mir nicht gerecht vorkam. Niemals dürfte ich hier zuhause sein.

Doch dann sah ich Hellbach. Das tote Dorf. Johannes und ich gingen auf die Knie. Wir saßen auf einer Erhöhung und blickten durch die Löcher im Dickicht auf die Lichtung hinab. Warm und golden schien uns die Sonne entgegen. Mir war, als würde ich in eine Wunde schauen. Eine Wunde, die irgendwie der Zeit, irgendwie mir selbst gehörte. Halbe Mauern, halbe Häuser, wo mal ganze gewesen sein mussten. Das, was Häuser zu Häusern macht, fehlte und damit meine ich nicht das Dach und auch nicht die Fassade. In keinem der Rahmen hing eine Tür. Sie alle schienen mich einzuladen.

Mein Vater hatte recht gehabt. Der Wald hatte Hellbach aufgefangen wie ein See, wenn man in ihn hineinspringt: Er hatte das Dorf umschlossen und sich einverleibt. Hellbach war ein Teil des Waldes geworden. Ein weiterer atmender Teil des großen Geflechts aus atmenden Wesen.

Moos ruhte auf den alten Mauern, von denen die Steine herabgesunken waren. Gräser waren ihnen entgegengekommen. Hohe Halme mit dunklen Spitzen, in denen der Tau hing oder der Regen von gestern. Hellbach schien noch zu schlafen.

Oder nein: Es war gerade erst aufgewacht.

Aber es waren nicht wir, die es geweckt hatten.

Andere Hände berührten die Steine, andere Fingerspitzen streiften die winzigen Knospen im Moos, andere Füße traten in festem Schuhwerk die hohen Grashalme platt. Es war nicht unser Atem, der Hellbach belebte. Johannes und ich sahen lediglich zu. Wir knieten im Dickicht. Wie sonntags in der Kirchenbank, dachte ich. Als würden wir nicht unsere Klassenkameraden beobachten, sondern Götter. Und das waren sie in diesem Moment auch. Im Licht der Sonne, die alle Frühlingswärme auf diese eine einzige Lichtung warf. Sie badeten in Gold und bemerkten nicht, dass der Rest der Welt frieren musste. Sie hatten begonnen, die Mauern aufzurichten. Einige der heruntergesunkenen Steine saßen jetzt noch recht lose aufeinander, ihre Unterseiten noch dunkel und feucht, wo sie zuvor in der Erde gelegen hatten. Sie hatten nur wenige Meter vor uns ein Gemüsebeet freigelegt.

Leonard, groß und grünäugig, kniete in der Erde und drückte ganz langsam Samen hinein. Er trug ein Lächeln auf den Lippen, das er sonst – das wusste jeder – nur seinen Freunden schenkte. Eines, das von einem Geheimnis zeugte, das bloß er und sie kannten. Er, seine Freunde, und jetzt auch Hellbach. Er erhob sich, wischte sich die Hände an seiner Jeans ab und ging zu Simon, der auf der Mauer hinter dem Beet saß.

Dem fielen die blonden Haare von den Schultern. Er trug Shorts. Mir war in meiner Bluse kalt. Vielleicht nicht in Hellbach. Nicht in diesem warmen Licht. Es sah aus, als wollte er dem Gemäuer ein Dach bauen. Er hielt ein Gestell aus drei Brettern, dann holte er mit einem Hammer aus und schlug kontrolliert zu. Er sagte etwas zu Leonard, der sich auf die Mauer hievte und sich neben ihn setzte.

Ich konnte spüren, wie sich Johannes neben mir anspannte.

„Sie reden nicht über dich“, wollte ich ihm sagen.

Aber das hätte nichts geholfen. Es war nicht wahr genug.

Die Mädchen saßen unter einem Torbogen, aus dem oben in der Mitte ein Stein gefallen war. Ich stellte mir vor, dass das Gebäude einmal eine Kirche gewesen sein musste. Seine Überreste bildeten die größte Ruine in Hellbach. Die großen Steine des Torbogens waren von blauen und gelben Flechten überzogen. Josephine und Greta lehnten daran, jede an ihrer Seite des Bogens, und drückten die Fußsohlen gegeneinander. Sie flüsterten.

In der Schule konnte man ihre Stimmen immer hören ­– entweder lachten sie oder flüsterten. Dazwischen kannten sie keinen Ton. Ich beobachtete sie eine Weile. Die beiden gingen liebevoll miteinander um. Wie Primaten, die sich gegenseitig das Ungeziefer aus dem Fell zogen. Wenn sie flüsterten, war es, als würden sie einander mit sanften Fingern kleine Geheimnisse aus den Haaren streichen. Im Flüsterton machten sie einander Geständnisse.

„Sie reden nicht über dich“, sagte Johannes.

Es half nichts. Es war nicht wahr genug.

Die Mädchen erhoben sich und gingen zu den Jungen. Der Wind hob Josephine das Kleid von den Knöcheln. Letzten Sommer hatte mich meine Mutter gefragt, ob ich in Josephine verliebt war. Ich hatte es nicht persönlich genommen. Früher oder später fragten das alle Mütter im Dorf ihre Töchter. Auch die Väter fragten das ihre Söhne. Aber das war etwas anderes. Was meine Mutter nicht verstand, war, dass es Arten des Verliebtseins gab, die nichts mit Körpern zu tun hatten. Und keinesfalls mit Zuneigung.

War ich in Josephine verliebt? Vor allem empfand ich Neid. Denn da, einige Meter vor mir, liefen sie durch goldenes Licht. Meine Mutter und Johannes neben mir, sie konnten nicht verstehen, was ich wirklich wollte.

Leonard und Simon sprangen von der Mauer und trafen die Mädchen bei einer Picknickdecke, die sie in das hohe Gras gelegt hatten. Darunter bogen sich die Halme und gaben nach, als es das Gewicht der Jungen und Mädchen verlangte. Sie legten einander die Köpfe auf die Schultern und zogen sich Spinnweben aus den Haaren, und immerzu überschütteten sie sich gegenseitig mit ihrem unaufhaltsamen Lachen.

Johannes und ich kehrten um. Wir liefen durch den kühlen Wald. Hinter uns die Sonne, deren Licht uns nicht erreichte. Wir warfen nicht einmal Schatten. Ich fühlte mich wie ein Fremdkörper in meiner eigenen Fantasie. Was wollte ich?

Ich wollte sein wie sie. Ich wollte ihre Natürlichkeit, ihre Selbstverständlichkeit. Ich wollte die Wärme spüren und sie nicht nur beobachten. Und ich wollte Hellbach, das tote Dorf, das lebendiger war als der Ort, in dem wir lebten. Ich wollte es für mich.

„Du hast es auch gesehen, nicht wahr?“, fragte ich also. Meine Stimme fühlte sich seltsam an. Johannes sah mich fragend an.

„Wie sie seine Hose geöffnet hat?“, fuhr ich fort.

Er zögerte, dann nickte er.

„Und sie hat sich ihm an den Hals geworfen. Sie hat sich das Kleid selbst vom Körper gerissen“, sagte er.

Ich machte weiter: „Greta auch, Greta hat ihr geholfen, sich auszuziehen. Sie waren alle nackt.“

„Sie haben alle mitgemacht. Auch die Jungen.“

„Auch die Mädchen.“

Wir hatten gerade erst angefangen. Und der Wald hörte zu. Dann unser Dorf. Das Dorf, in dem wir aufgewachsen waren und in dem keiner fragt, ob eine Geschichte wahr ist. Das Dorf, in dem die Blicke Beine haben und einem bis nach Hause folgen. Unsere Worte warfen Echos: auf Gartenfeiern, am Lagerfeuer der Pfadfinder, an der Fleischtheke, am Schulhof nach den Osterferien und beim Friseur. Bald hatten alle gehört, was in Hellbach geschehen war. Natürlich war es nicht wahr. Aber es war wahr genug.

Wahr, wenn Simon Leonard lange anschaute und Leonard so tat, als würde er die Blicke seines besten Freundes nicht bemerken. Wahr, als Gretas Mutter sie fragte, ob sie in Josephine verliebt war. Wahr, weil Greta nachher nicht wusste, ob sie gelogen hatte oder nicht. Es war wahr, weil sie alle ein bisschen ineinander verliebt waren. Auf eine Weise, die sonst keiner verstand – bis auf mich vielleicht.

Ihr Gelächter und Geflüster war verstummt. Johannes und ich, wir hatten dafür gesorgt, dass sie es waren, über die man flüsterte.

Einige Zeit später liefen Johannes und ich erneut nach Hellbach. Auf der Lichtung standen die bloßen Steine unberührt. Das Moos war trocken und braun. Halbe Mauern, halbe Häuser. Unkraut auf dem Beet, in das Leonard die Samen gegeben hatte. Hier atmete nichts mehr. Nicht einmal die Sonne berührte den Ort. Ohne zu sprechen, machten wir uns auf den Heimweg. Wir ließen das tote Dorf im Wald zurück.