Geschäftskunden

Meiner Mitbewohnerin auf der Spur

von Anna F. Zierhut

„Ich weiß, dass du sie hast“, fauche ich meine Mitbewohnerin an. Sie nimmt keinerlei Notiz von mir. Ich werde deutlicher: „Ich weiß, dass du sie gestohlen hast!“ Sie blickt kurz zu mir, dann zurück auf ihr Handy, als würde sie mich nicht verstehen. Ausgestreckt liegt sie auf dem Sofa, als wäre ich Luft. Wir waren früher so eng miteinander, praktisch alles haben wir zusammen gemacht. Von gemeinsamem Kochen über nächtliches Fangenspielen war wirklich vieles dabei. Aber jetzt hat sie mich bestohlen, ich weiß es genau. Man kann echt niemandem trauen. Ich werde das nicht länger hinnehmen und mein Eigentum zurückholen. Doch sie ist gerissen und hat das Diebesgut irgendwo versteckt. Wenn es sein muss, werde ich die ganze Wohnung auf den Kopf stellen, um mir zurückzuholen, was mir gehört.

Wenn ich eine Diebin wäre, würde ich meine Beute im Flur verstecken. Wenn es schnell gehen muss, kann ich auf dem Weg nach draußen alles mitnehmen. Meine Suche startet also hier. Ich untersuche alle herumliegenden Schuhe akribisch, ein tolles Versteck, aber nichts. Wie viele Schuhe kann ein Mensch besitzen? Am Boden steht eine Kiste mit aussortierten Sachen von ihr, die sie zum Flohmarkt bringen will. Könnte es sein …? Das wäre ein ideales Versteck, um etwas aus der Wohnung zu schmuggeln und vielleicht sogar auf besagtem Markt zu verkaufen. Ich wühle mich durch Abertausende von Schals und billigen Modeschmuck. Hässliche Designs, kann ich sagen. Aber vergebens, von mir ist nichts dabei.

Mein Blick schweift durch die Wohnung und fällt auf eine Fotowand. Früher waren da fast nur Fotos von uns beiden. Seit sie diesen Typen datet, ist sie wie ausgewechselt. Wenn er da ist, behandelt sie mich wie Luft oder scheucht mich aus dem Zimmer. Er wird superschnell körperlich und streicht mir zur Begrüßung immer über den Rücken. Wenn ich schon höre, dass er kommt, verziehe ich mich. Letztes Mal bin ich sogar trotz Regen auf den Balkon geflüchtet. Vielleicht ist er sogar ihr Komplize und hat mich mitbestohlen. Ich traue diesem Schmierlappen alles zu, so dämlich, wie er mich von den Polaroids aus angrinst. Der Balkon ist ein gutes Stichwort, vielleicht hat sie sie da versteckt. Er ist nicht sehr groß, ich kann durch die Glastür alles sehen. Ein Haufen Bierkästen und abgebrannte Teelichter, vertrocknete Minze und viele Blütenpollen, ein paar Klappstühle, aber nichts weiter. Kein geeignetes Versteck. „Willst du raus?“, ruft meine Mitbewohnerin vom Sofa aus. Will sie mich aussperren? So wie ihr Idiotenfreund neulich die Tür verschlossen hat, obwohl ich draußen eingeschlafen war? Sie will mich loswerden, sie weiß, was ich vorhabe. Das könnte dir so passen: „Nein, nein“, sage ich beiläufig und steuere in Richtung Küche. Ich muss schnell handeln.

Vielleicht hat sie sie hier versteckt. Sie weiß genau, dass ich an die oberen Regale schlecht herankomme, schließlich bin ich kleiner als sie. Da hilft nur Klettern. Vorsichtig steige ich auf die Arbeitsfläche und strecke meinen Kopf nach oben. Sie stopft immer alles ohne Sinn und Ordnung rein. Wenn ich auch nur eine Packung rausziehe, fliegt mir alles um die Ohren. Ich höre Schritte, schnell wieder runterspringen und unauffällig verhalten. „Man, ist das eine Hitze“, stöhnt sie und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Wir müssen unbedingt mehr trinken, du besonders!“ Was soll das? Will sie mir vorschreiben, wie viel ich trinken soll? Ich kann ja wohl für mich alleine sorgen! Sie schiebt mir ein frisches Wasser hin. Aber ist es wirklich frisch? Oder ist das Ganze eine Falle? Wer weiß, was sie reingemischt hat, ich gehe besser kein Risiko ein. Verliere ich langsam den Verstand? „Nein, ich hab keinen Durst“, wende ich mich ab. Ich muss meine Mission fortsetzen. In ihrem Zimmer habe ich noch nicht gesucht, dabei wäre es die offensichtlichste Lösung. Immer verschließt sie die Tür, wenn sie die Wohnung verlässt. Wenn das mal nicht verdächtig ist. Auch jetzt hat sie die Tür zugezogen, dann eben ein anderer Raum.

Im Wohnzimmer gibt es kaum Verstecke. Unter dem Sofa ist nichts außer Wollmäusen, denen ich mich später zu widmen gedenke. Auf dem Fensterbrett stehen Blumentöpfe. Ich könnte die Blumen aus ihrer Erde buddeln, aber das Versteck traue ich ihr kaum zu. Die Frau lässt sogar Kakteen verdursten. Die Erde ist so staubtrocken, da lässt sich nichts vergraben. Weiter im Text … Unsere Altbauwohnung verfügt über einen großen Kamin, den wir nie benutzen. An sich wäre das kein schlechtes Versteck, aber vielleicht wartet sie geradezu darauf, dass ich mich hineinwage und sie mich wie Hänsel und Gretel beseitigen kann. Aber so haben wir nicht gewettet! Ihr geliebter Schallplattenspieler steht auf einer Kommode. Immer, wenn ich mich dem auch nur nähere, flippt sie völlig aus. Ich dachte, das sei, weil er so teuer war, aber wer weiß, vielleicht verbirgt er seinen eigentlichen Wert, weil er als Versteck für etwas viel Wertvolleres dient. Ich inspiziere ihn genau und tippe den kleinen Besen an, der sonst über die rotierenden Platten streicht. Auch wenn mir ihre hochfrequente Musik für gewöhnlich in den Ohren schmerzt, finde ich die Drehbewegung faszinierend. Es hat geradezu etwas Hypnotisches. Im Moment ist er nicht in Betrieb, aber der Fernseher ist an und es läuft irgendeines dieser Reality-TV-Formate. Wenn ich so darüber nachdenke, lässt sie mich nie mitentscheiden, was wir uns ansehen. Ich wäre ja für eine gemütliche Tierdoku, das wäre tatsächliche Reality im TV.

Meine Mitbewohnerin kommt aus der Küche zurück. Ich verliere langsam die Geduld: „Du weißt genau, was ich will! Rück sie raus!“, konfrontiere ich sie erneut. Sie blickt mich nur ratlos an und sagt mit abwehrender Haltung: „Was denn? Ich hab nichts für dich.“ Ich bin nicht verrückt, ich weiß, dass du sie hast. Auf dieses Gaslighting falle ich nicht rein. Ich kann die Lüge in deinen Augen sehen! Ich mache auf dem Absatz kehrt und gehe ins Badezimmer. Eine Katzenwäsche wird mir helfen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Da fällt mir auf, dass ich hier drinnen noch gar nicht gesucht habe. Das Badezimmer bietet einige Winkel und Dachbalken, die sind schnell gecheckt. Die Waschmaschine halte ich für unwahrscheinlich, aber der Wäschekorb wäre ein super Versteck, da sieht niemand rein. Ich tauche ein und ziehe alle Kleidungsstücke raus. „Was treibst du da?“ Verdammt, sie hat mich erwischt. „Ich … Ich suche nur etwas“. „Ist das dein Ernst!?“ Sie schiebt mich zur Seite und räumt alles wieder ein. Ich stehle mich heimlich davon. Die Katze ist sowieso aus dem Sack, ich muss schnell weitersuchen.

Ich weiß, dass du vor mir eine andere Mitbewohnerin hattest, ich habe die Fotos gesehen. Aber du sprichst nie von ihr, als wäre sie ein Geist. Habt ihr euch einfach voneinander entfernt oder hast du sie beseitigt? Womöglich hat auch sie deine Diebstähle durchschaut und womöglich bin ich die Nächste, die einfach verschwindet! Sie ist abgelenkt im Bad – meine Chance, in ihrem Zimmer zu suchen. Die Tür steht offen, nun heißt es: jetzt oder nie! Ich sause rein und blicke mich hastig um. Ich bin so nah dran, ich kann sie förmlich riechen! Vielleicht unter ihrem Bett? Neben verstaubten Taschentüchern, zehn angelesenen Büchern und – Jackpot, da sind sie! Eine Obsttüte, eingewickelt in einem Küchentuch. Ich zerre alles unter dem Bett hervor. Ich zerreiße euphorisch die Tüte, um sicherzugehen. Der Inhalt kugelt heraus, aufgebahrt in voller Schönheit liegen sie da, meine Schätze.

„Hey!“, ich hatte sie nicht kommen hören. Zu gebannt war ich gewesen, nun steht sie direkt hinter mir. Ich wirble herum und sehe die Wut in ihren Augen. Sie sieht voller Ärger auf mich herab und ihre Nasenflügel beben. Sie bäumt sich vor mir auf und mir gefriert das Blut in den Adern, als sie zischt: „Böse Katze!“ Meine Leckerlis werde ich wohl nie wiedersehen.