Geschäftskunden

Moha

von Anika Haulsen

Ich habe Moha anfangs nicht gemocht. Er stand auf einmal vor mir – um Sieben Uhr in der Früh –, als ich die Haustür aufriss, um zur Arbeit zu gehen.

„Du bist die neue Mitbewohnerin, oder?“, fragte er. Mit glasigen Augen sah er mich an. Wobei es wirkte, als würde er durch mich hindurchschauen. In seinem Bart hing Glitzerpulver, sein Haar war zerzaust und die Jacke, die er trug, bestimmt drei Nummern zu groß. Das Aufrecht-Stehen schien ihm schwer zu fallen. Er wankte von einem Bein aufs andere.

„Ich bin Moha“, sagte er.

„Schön, dich kennenzulernen“, erwiderte ich. „Kommst du von einer Party?“

Moha blickte an mir herab. Er musterte meine gebügelte Bluse, die passende Weste dazu und meine Schuhe, die ich mir extra für die neue Stelle gekauft hatte.

„Ähhh … Nein“, sagte er. Und bekam dabei Schluckauf. Hicks. Hicks. „Ich war … Ich war …“ Hicks. „Ich war in der Bibliothek“, sagte er und schlurfte an mir vorbei in die Wohnung. Dann drehte er sich nochmal um. „Kannst du mir vielleicht Geld leihen?“, fragte er.

 

Von da an trafen wir uns regelmäßig morgens im Gang. Wenn Moha nach Hause kam und ich die Wohnung verließ. Anfangs beachteten wir einander kaum. Ich war genervt, dass er mir mein Geld noch nicht zurückgegeben hatte. Dass er nichts im Haushalt tat und dass im Eingangsbereich noch Glitzerpulver verteilt lag. Moha war mir suspekt. Ich verstand nicht, wieso er den Tag verschlief und die Nächte in Clubs verbrachte. Wieso er kein Geld hatte und trotzdem nicht arbeiten ging.

 

Fast jeden Tag verbrachte Moha sehr viel Zeit in der Küche. Er kochte Gerichte, die mir nichts sagten, mit Zutaten, die ich nicht kannte. Der strenge Geruch, der anschließend im Raum hing, war immer derselbe. Erst nach langem Lüften ließ sich die Küche wieder benutzen.

„Möchtest du etwas probieren?“, fragte Moha.

„Ich esse kein Fleisch“, sagte ich.

 

Manchmal waren Freunde von ihm zu Besuch. Dann hörte ich den ganzen Abend laute Musik aus seinem Zimmer. Ich hörte es poltern, als würden sie hinter der Tür tanzen und feiern. Nur mit Ohropax ließ es sich schlafen. Einmal klopfte ich wütend. Sofort waren sie still.

 

„Wohin gehst du eigentlich jeden Tag?“, fragte Moha mich an einem Morgen.

„Zur Arbeit“, sagte ich.

 

„Was arbeitest du?“, fragte er mich an einem anderen Tag.

 

Ich fragte ihn nichts. Ich fragte ihn nicht, wo er herkam und was er für ein Mensch war. Ich fragte ihn nichts zu seiner Familie und zu seiner Vergangenheit.

Und so erfuhr ich zunächst nicht, dass er aus Jordanien kommt und dass er seit bereits vier Jahren in Europa ist, um hier Fuß zu fassen. Dass er eine abgeschlossene Berufsausbildung als Lehrer hat. Es aber nahezu unmöglich für ihn war, einen Job zu finden. Weil er keine Arbeitsgenehmigung bekam. Obwohl er seit Jahren zum Anwalt ging, um sich drum zu kümmern. Einen Anwalt, den Moha kaum zahlen konnte, weil er keine Arbeitserlaubnis hatte.

 

All diese Dinge erfuhr ich erst später. Als ich bereits seit vier Monaten mit ihm zusammenlebte und Moha mich fragte, ob wir mal Kaffee trinken gehen. Ich wollte ihm absagen. Ihm irgendeine Ausrede präsentieren. Aber ich bin denkbar schlecht im Neinsagen und so verabredeten wir uns für den nächsten Nachmittag.

Das Café, das Moha heraussuchte, schien sein Stammcafé zu sein. Die Kellner grüßten ihn bereits beim Hereinkommen und Moha warf keinen Blick auf die Karte, bevor er einen Flat White bestellte.

„Ich lade dich ein“, sagte er und er bestand darauf – auch als ich vehement widersprach. Wir unterhielten uns über Belangloses. Über die Stadt und die Leute. Über unsere Wohnung und das Wetter. Wir sprachen über Politik und über die Leute, die am Fenster vorbeiliefen. Aber Moha hatte einen so einzigartigen Humor, dass selbst diese Themen unterhaltsam wurden.

 

Und von da an saßen wir regelmäßig in dem Café, nur zwei Straßen von unserer Wohnung entfernt. Bei jedem Treffen erfuhr ich mehr über Moha. Er erzählte, dass er zehn Geschwister habe, die alle noch in Jordanien lebten.

„Der Kleinste ist erst zehn“, sagte er und zeigte mir stolz ein Foto von sich und seiner Familie.

Er erzählte, dass dieser nicht wisse, wie alt er sei, weil das in seiner Kultur keine Relevanz habe. Er zeigte mir Bilder von der Wüste, neben der er aufgewachsen war und dem Kamel, das seiner Familie gehörte.

„Heute hat es in meiner Heimat fast fünfzig Grad“, sagte Moha. „Und die Temperaturen steigen weiter.“

Er erzählte, wie einsam er sich manchmal in Europa fühlte und wie gerne er arbeiten gehen würde.

„Am liebsten in einer Bar“, sagte er. Er schwenkte seine Arme durch die Gegend, als würde er Cocktails mixen.

In Jordanien habe er als Lehrer gearbeitet, berichtete Moha. Sein Traum sei es, in Europa eine Arabisch-Schule zu eröffnen.

„Ich würde hingehen“, sagte ich.

 

Er fragte mich viel. Über meinen Job und meine Familie. Über meine Freunde und die, die es nicht mehr waren. „Du hast nur einen Bruder?“, wunderte sich Moha. „Das stelle ich mir langweilig vor.“

„Eigentlich war mir der schon zu viel“, lachte ich. „Wie hast du es nur mit deiner Familie ausgehalten?“

„Es war immer etwas los“, sagte Moha. „Ich vermisse sie.“

Er erzählte, dass er abends immer etwas anhörte, weil er bei Stille nicht einschlafen konnte.

 

So strich der Sommer dahin. „Inzwischen wurde bei meiner Familie die Dreißig-Grad-Marke unterschritten“, sagte Moha Ende August. „Sie können wieder tagsüber das Haus verlassen.“ Dann schaute er mich bedauernd an. „Ich werde wegziehen“, sagte er. „Hier ist es für mich zu teuer.“

Er griff in seine Tasche und holte sein Portemonnaie heraus. „Aber ich schulde dir noch Geld.“

 

Innerhalb von einer Woche war Moha weg. Ein neuer Mitbewohner ist inzwischen eingezogen. Sehr nett. Ordentlich und strukturiert. Ich kann nichts gegen ihn sagen. Weil ich nichts von ihm mitbekomme. Wenn ich morgens das Haus verlasse, ist er bereits weg. Wenn ich wiederkomme, lässt er sich in der Wohnung nicht blicken. Es ist still in unserer Wohnung. Zu still. Und die Küche riecht zu sehr nach Raumerfrischer. Ich vermisse Moha. Manchmal finde ich von ihm noch Glitzer.