Geschäftskunden

Nase, Wangen, Stirn

von Julia Fath

Die Luft im Zimmer war dick. Draußen hatte es zweiunddreißig Grad, mir war kalt und warm zugleich.

Mein Großvater lag im Bett. Er hatte die Augen geschlossen, als ich hereinkam. Ich setzte mich auf den Rand des Bettes, nahm seine Hand in meine und betrachtete sein Gesicht. Es war fahl und wächsern. Im rechten Mundwinkel hatte er eine dunkle Kruste. Ich wusste nicht genau, was es war. Er döste vor sich hin, manchmal wimmerte er ein wenig und drehte den Kopf etwas zu Seite, öffnete die Augen aber nicht. Ich strich ihm mit meiner freien Hand vorsichtig über Nase, Wangen, Stirn.

„Wenn du einmal stirbst, hüpfe ich dir nach ins Grab.“

„Nein, das machst du nicht. – – – Augen zu!“

Lid, Lid, Brauen.

 

„Doch! Ich steh am Grab und schau hinein und dann hüpfe ich dir nach.“

 

Unbeirrt cremte mein Großvater weiter. Die Milch brannte ziemlich in den Augen und trotzdem sah ich ihn wild an.

 

„Ich glaube, das ist keine gute Idee. – – – Ohren!“

 

Widerwillig drehte ich meinen Kopf ein wenig zur Seite.

Ich hasste es, wenn er mich vor dem aufregenden Gang zum Becken minutiös einschmierte, mich salbte wie ein kleines Pharaonenkind, mich ewig nicht davonspringen ließ, weil ihm noch eine kleinste Hautfalte unbenetzt schien. Und ich liebte es.

 

Ohrläppchen, Ohrmuscheln, außen oben.

 

„Ohrläppchen nie vergessen! Hörst du?! Nie! Hattest du schon mal einen Sonnenbrand auf den Ohrläppchen?“

 

Ich schüttelte den Kopf.

 

„Hattest du schon mal einen Sonnenbrand außen oben?“

 

Ich schüttelte wieder den Kopf, sah ihn weiter verschwommen an und verkniff mir mit allem, was ich aufbringen konnte, ein Grinsen. Die Lage war ernst.

 

„Nein? Na, du hast es gut! Ein Sonnenbrand auf den Ohrläppchen tut höllisch weh. – Und ein Sonnenbrand außen oben erst! An den will ich gar nicht denken! Au, au, au!“

 

Er verzog dabei das Gesicht und wedelte mit der rechten Hand vor meiner weißen Nase, als hätte er gerade ein eingestecktes Bügeleisen gestreift.

 

„Du darfst nicht sterben, Opa!“, sagte ich.

 

Der Duft von Pommes und das Juchzen von Bauchrutschern drangen wie durch eine Verpackungsfolie zu uns. Ich wollte die Luftpolster platzen lassen, konnte mich aber nicht bewegen. Die gelbe Halbröhre zog mich eigentlich immer magisch an. Wenn man oben stand und wartete, bis man an der Reihe war, konnte man sehen, wie sich der Fluss auf der anderen Seite des Zauns sommerbräsig nach vorne schob, manchmal zog auch jemand auf einer Luftmatratze vorbei. Dann riss ich die Hände nach oben und rief hinüber: „Gute Reise zum Schwarzen Meer!“ Man hatte das Gefühl, man konnte von oben auf der Rutsche mit den Fingerspitzen die Kronen der riesigen Pappeln berühren, die sich behäbig im Wind bewegten. Unten stand mein Opa im Becken vor der Rutsche, winkte immer wieder herauf und wartete, bis ich angeschossen kam.

 

„Ich fang dich dann.“

 

Ich wusste gar nicht, warum mir das gerade jetzt wichtig war. Alles, was ich eigentlich wollte, war schwimmen lernen. Ich war schließlich schon sechs! Ein Vorschulkind! Gepeinigt nur von der endlosen Ödnis des Morgenkreises im Kindergarten. Was habt ihr gestern nochgemacht? Wie fühlt ihr euch heute? Wer möchte anfangen? – Ich wollte nicht anfangen, ich wollte aufhören. Und zwar schnell. In ewiger Entfernung: die erste Klasse. Meine Mutter konnte es nicht mehr hören.

 

Irgendwann klingelte es zuhause an der Tür. Ich spitzte gerade akribisch meine Holzstifte für meine Sechsen und Achten, die hatten einfach die besten Kurven. Draußen stand mein Opa.

 

„Hallo, Mama! Nachmittags lernen wir jetzt schwimmen!“, hatte mein Großvater dann ohne Umschweife zu meiner Mutter gesagt, die ihn verständnislos anblickte. In Sandalen und mit Hut, mit Decke und zwei Litern Sonnenmilch im Beutel musterte er sie kurz.

 

„Na, du nicht. Keine Panik. Ich sag immer: morgens Kreis, nachmittags Kraul! Wo ist das Kind?“

 

Das Kind, ich, war mittlerweile an die Tür gekommen, ich war sofort on fire. „Ein Schulkind muss schwimmen können. Schnapp dir deine Badehose, Junge!“

Ich war schnurstracks fertig.

 

„Ciao, Mama“, sagte er zu meiner Mutter, legte dabei lässig den Arm um meine Schulter und schob mich Richtung Straße. „Wir sind dann mal weg.“

 

Und weg waren wir. Seit vier Wochen waren wir weg, jeden Tag weg.

Ich schaffte mittlerweile eine halbe Bahn am Stück. Ohne Festhalten! War vom Ein-Meter-Brett gesprungen. Ohne Nasezuhalten! Konnte einen Sandstab nicht nur von unten hochtauchen, sondern mich am Grund auch noch zweimal um meine eigene Achse drehen. Ich war der König des Beckenbodens.

 

Er drehte die Tube auf den Kopf und schüttelte sich einen neuen Klecks in die Hand. Aus der Hocke sah er mich an, während er sein weißes Gold zwischen den Handflächen verrieb.

 

„Ich wäre verrückt, jetzt zu sterben. Ich sterbe jetzt nicht. Ich sterbe vielleicht in hundert Jahren. Und dann bist du auch schon ein Opa!“

 

Er ölte meine Schultern, das Schlüsselbein, meine Arme.

 

„Achseln!“

 

Ich war nicht überzeugt, hob aber die Arme.

 

„Wenn du tot bist, bist du weg. Und ich will nicht, dass du weg bist.“

 

In meinen Augen brannte es immer mehr und ich ließ alles sinken.

Seine Hände hielten inne und mich an den Schultern.

 

„Wenn ich tot bin, bin ich wie die Sonnencreme. Schau, ich trage sie dir auf. Erst ist sie da und du bist ein bisschen weiß. Dann zieht die Creme irgendwann in deine Haut ein. Dann sieht man sie nicht mehr. Aber ist sie dann weg?“

 

Ich schüttelte den Kopf.

 

„Eben. Sie ist nicht weg. Sie ist unter deiner Haut. Man sieht sie nicht. Aber sie ist da.“

 

Ich rieb mir die Augen.

 

„Aber, und das ist das Wichtigste: Ich sterbe jetzt nicht. Und wenn ich irgendwann einmal in einhundert oder einhundertzwanzig Jahren sterbe, dann bin ich nicht weg. Ich bin dann wie diese Creme hier. In dich eingezogen. Du siehst mich nicht, aber ich beschütze dich. – – – Vor den määäääächtigen Sonnenstrahlen!“

 

Wieder hatte er an das eingesteckte Bügeleisen gefasst.

 

Dann malte er mir mit Creme ein Capri auf den Bauch, verrieb es und walkte meine Beine, die Knie und natürlich meine Füße weiß.

 

„Zwischen den Zehen! Ganz wichtig!“

 

Schließlich sah er sein Werk zufrieden an, gab mir einen Nasenstüber, stand auf und hielt mir seine Hand hin. In seinem braunen, lächelnden Gesicht waren die Zähne noch heller als sonst.

 

„Bist du bereit?“

 

„Versprichst du’s?“

 

„Ich verspreche es.“

 

Er hob die Hand zum Schwur und streckte sie mir dann gleich wieder hin. Ich nickte und nahm sie, drückte sie mir kurz an die Wange und wir schlenderten los. Heute stand Tauchen ohne Taucherbrille auf dem Plan. Mein Opa machte Zeichen unter Wasser und ich musste sie nachmachen. X, O, X, O. Daumen nach oben.

 

Zwei Stunden später saßen wir mit frischen Badehosen und blauen Lippen im Kiosk beim Griechen. Meine Augen hatten die Farbe der Hubba-Bubba-Rollenschachtel, die vor mir auf dem Tisch lag. Erdbeere. Besser ging’s nicht. Megalang stand auf der Verpackung.

 

Megalang war auch dieser Sommer. Und megalang, weitere zweiunddreißig Jahre, hielt mein Großvater sein Versprechen.

 

Obwohl er sich fast gar nicht bewegte, wanderte die Kruste immer weiter. Sie bahnte sich ihren schwarzroten Weg und war nun schon bis zur Mitte der Unterlippe vorgedrungen. Irgendwo im Zimmer surrte unberührt eine Fliege. Draußen am Gang lachte ein Pfleger. Ansonsten war es still. Mein Großvater öffnete die Lippen leicht. Seine Zähne sahen seltsam aus. Grau und so, als säßen sie nicht mehr fest im Zahnfleisch. Ich betrachtete seine Schultern, die in den letzten Monaten ganz schmal geworden waren. Fuhr mit den Fingern langsam seine Schlüsselbeine nach, die unter dem weiten Schlafanzug leicht zu ertasten waren, und streichelte seine Arme. Stunden später öffnete er seine Augen und sah mich kurz an.

 

„Kind.“

 

Ich drückte seine Hand. Er dämmerte wieder weg.

 

Vorsichtig befreite ich mich aus seinem Griff und holte ein kleines Fläschchen aus meinem Beutel. Dann schüttelte ich mir einen Klecks in die Hand.

 

Nase, Wangen, Stirn.

Lid, Lid, Brauen.

Ohrläppchen, Ohrmuscheln, außen oben.

 

Sein Gesicht war ganz weiß.

 

Ich drückte seine Hand an meine Wange. Als meine Mutter eine Stunde später kam, war fast alles eingezogen.