Geschäftskunden

Null

von Daniel Alvarenga

Fünf dreiundfünfzig. Sie brauchte keinen Wecker. Nach sieben Monaten, wenn es nichts gab außer Routine, funktionierte die innere Uhr. Sie war die Erste, die wach war, wie jeden Tag. Eine Stunde und sieben Minuten, in denen sie allein war, reichten ihr, um den restlichen Tag zu überstehen. Mit einem Knopfdruck öffnete sich die Tür ihrer Kabine, mit einem Knopfdruck floss zäher, schwarzer Kaffee aus der Maschine, mit einem Knopfdruck wurde aus einer Wand des Gemeinschaftsraumes ein rundes Fenster. Wie jeden Morgen zog sie einen der Plastikstühle vom Tisch direkt vor dieses Fenster, wie jeden Morgen setzte sie sich, noch in ihrer Schlafkleidung, genau in dem Moment auf diesen Stuhl, wenn die Blende sich vollständig geöffnet hatte. Wie jeden Morgen spürte sie zuerst die Sonnenstrahlen, die sie nicht spüren konnte, auf ihren Lidern, bevor sie die Augen genau in dem Moment öffnete, als sie Sonne sich hinter der Erde zeigte und den Teil beleuchtete, den sie gerade überflogen. Dieser Moment war magisch, und er gehörte nur ihr. Sie nahm den ersten Schluck aus ihrem Kaffee, der inzwischen genug abgekühlt war. Die Wärme breitete sich in ihrem Körper aus und das Koffein in ihrem Gehirn. Sie würde auch diesen Tag überstehen, denn nichts unterschied diesen Tag von den zweihundertelf anderen Tagen, die sie bereits hier war. Bis der Planet, auf den sie blickte, der Planet, von dem sie stammte, in einer erstaunlich unspektakulären Explosion verschwand.

Natürlich hörte sie nichts, natürlich war sie für eine Druckwelle viel zu weit entfernt, natürlich war ihr Gehirn überhaupt nicht in der Lage, zu verarbeiten, was gerade geschehen war, doch ein Teil von ihr war auch enttäuscht. Es war viel zu schnell gegangen. Es gab kein sich über Stunden, Tage, Jahrhunderte ausbreitendes Flammenmeer, es flogen keine Trümmer durch das All. Dort, wo gerade noch etwas gewesen war, war jetzt nichts mehr. Das Universum zuckte mit keiner Schulter, und auch sie hätte vermutlich mit keiner Schulter gezuckt, wäre das, was sich vor ein paar Sekunden noch dort befunden hatte, nicht zufällig ihre gesamte Existenz gewesen, alles, was sie kannte, und das, was sie wohl Heimat genannt hatte. Sie trank ihren Kaffee weiter wie jeden Tag, blickte an dieselbe Stelle wie jeden Tag, nur dass es dort jetzt nichts mehr zu sehen gab. Irgendwo im hinteren Bereich piepte ein Gerät, das sonst nicht piepte. Es hatte also offenbar auch bemerkt, dass gerade ein Planet verschwunden war. Als ihre Tasse leer war, stellte sie sie in das Spülbecken, drückte den Knopf, der aus dem großen runden Fenster wieder eine Wand machte und ging zurück in ihre Kabine, um zu duschen und sich anzuziehen. All das tat ihr Körper, während ihr Gehirn sich noch immer weigerte, zu reagieren. Sie würde mit den anderen reden müssen.

Doch als sie wieder in den Gemeinschaftsraum kam und die anderen ihr mitteilten, die Geräte würden Probleme machen und irgendetwas würde mit den Messungen nicht stimmen, zuckte sie nur mit den Achseln. Wie teilte man jemandem mit, dass er vermutlich plötzlich ein Fünftel seiner Spezies darstellte? Die anderen starteten Computer und Automaten neu, kalibrierten Fühler und Sensoren, denn die Erde konnte ja schließlich nicht einfach über Nacht verschwunden sein. Sie vermerkten fehlende Ergebnisse in Logbüchern, scherzten herum, dass die Dinge, die sie hier erforschten, Dinge, die man nur im Weltall erforschen konnte, eigentlich sowieso egal waren, und wussten nicht, dass sie recht hatten.

Auch sie ging zu dem Gerät, dessen Ergebnisse zu beurteilen zu ihren Aufgaben gehörte, und betrachtete eine kleine rote Null, die dort unablässig blinkte, als würde das alles erklären.

Als sie einsehen mussten, dass alle Geräte einwandfrei funktionierten und dass ihre Station behauptete, sich an der Position zu befinden, wo sie sich befinden sollte, wurden die anderen nervös. Sie fragten sich selbst, wie es sein konnte, dass sie die Erde nicht mehr sehen konnten. Sie fragten sich gegenseitig, ob es denn immer noch keinen Kontakt zur Basis gebe. Sie fragten sogar sie, obwohl sie selten mit ihr sprachen. Es war ihre Schuld, dass sie das nicht taten, dafür hatte sie selbst gesorgt. Sie tat, als wüsste sie von nichts, und war selbst überrascht, dass sie das deswegen tat, weil sie ihre Stunde und sieben Minuten, die nur ihr gehörten, gefährdet sah. Sie brauchte diese Zeit.

Die Scherze wurden weniger, die Stimmen ein wenig lauter, nicht viel, nur so, dass es einem aufmerksamen Beobachter auffiel. Die Routine blieb. Sie glaubten an einen Fehler, der sich aufklären würde, und dann wollte keiner derjenige sein, der grundlos den Kopf verloren hatte. Sie waren hervorragend ausgebildet, sorgfältig ausgewählt und lange vorbereitet worden. Keiner von ihnen wurde unvernünftig, keiner von ihnen wurde aggressiv. Sie überprüften Messergebnisse und Anzeigen, und wenn sie beim vierzehnten Mal nicht das erwartete Ergebnis erhielten, versuchten sie es ein fünfzehntes Mal. Sie beobachtete weiter die kleine rote blinkende Null, bis sie irgendwann beschloss, es nicht mehr zu tun.

Sie beobachtete sich selbst dabei, wie sie auf einem Stuhl saß und die anderen betrachtete, wie ein Kind einen Ameisenhaufen betrachtete. Sie war diejenige, die die Fackel in der Hand hielt. Ein Wort von ihr würde genügen, und die Welt würde enden. Es gab keine größere Macht. Sie war fähig, alles zu zerstören, als würden Flammen aus ihr schießen, die zwar die Menschen unversehrt ließen, aber ihnen alles nahmen, was sie zu Menschen machte. Also schwieg sie, hielt den Mund geschlossen, so fest, dass es beinahe schmerzte, denn sie war sich sicher, wenn sie ihn öffnen würde, wäre das Wort stärker als sie. Sie war, ob sie es wollte oder nicht, zur Hüterin der Hoffnung geworden. Schlimmer noch, sie war die Einzige, die wusste, dass es keine Hoffnung mehr gab. Es war ihre Bürde, und sie würde sie tragen, solange sie es eben tun musste.

Ihr Schweigen war ansteckend. Nach und nach verloren die anderen ihre Stimmen, sprachen nicht mehr miteinander, redeten nicht mehr auf die Geräte ein, die sie überzeugen sollten, dass noch etwas außerhalb ihrer Station existierte, etwas, zu dem sie zurückkehren konnten, etwas, das einen Sinn ergab. Sie saß auf ihrem Stuhl, sah, wie jemand aus dem großen runden Fenster blickte, sah, wie jemand sich Kaffee machte, den er nicht trank. Die anderen sah sie nicht. Einmal hörte sie ein rhythmisches, metallisches Klopfen aus einem der hinteren Bereiche und beschloss, es nicht zu hören.

Nur die digitale Anzeige im Gemeinschaftsraum, die ihnen die Zeit eines Ortes anzeigte, den es nicht mehr gab, überzeugte sie irgendwann, zu Bett zu gehen. Diese vier Ziffern, die ihren Tagesablauf bestimmten, waren ihr letzter Halt in der Realität. Vier Ziffern, die nur eine Bedeutung hatten, weil sie ihnen eine gaben. Sie sprachen es nicht ab, doch jeder ging zur gleichen Zeit. Sie sprachen nicht, denn es gab nichts mehr zu sagen. Sie würden in ein paar Stunden aufwachen, und alles wäre wieder beim Alten, sie würden in ein paar Stunden aufwachen und feststellen, dass sie nur schlecht geträumt hatten, sie würden synthetisches Frühstück aus grauen Beuteln essen, und alles wäre gut. Sie würden aus dem großen runden Fenster sehen, ihrem Planeten zuwinken, und ihre Existenz hätte noch einen Sinn.

Sie spürte, wann die anderen einschliefen. Sie hätte es niemandem erklären können, es war, als würde sich der Luftdruck ändern oder die Temperatur ein Viertelgrad schwanken. Sie sah auf eine kleinere Version der digitalen Anzeige, die neben ihrem Bett im Dunkeln leuchtete. Sie musste nicht schlafen, denn sie war die Einzige, die wusste, dass es keinen neuen Tag geben würde.

Fünf dreiundfünfzig. Sie stand auf. Kabinentür, Kaffee, Plastikstuhl, Fenster. Das Licht tat ihr in den Augen weh, denn es gab keinen Planeten mehr, der zwischen ihnen stand. Doch sie blickte weiter geradeaus, die Tasse in ihren Händen und genoss beinahe, wie das Weiß, das ihr Blickfeld ausfüllte, an den Rändern rot wurde. Wenn ihre Tasse leer war, würde sie aufstehen. Doch heute würde sie nicht duschen und heute würde sie sich nicht anziehen, denn wo es keinen Sinn gab, musste es auch keine Routine geben. Wenn es kein Ziel gab, machte es auch keinen Sinn weiterzugehen.

Sie wusste, was sie zu tun hatte, denn es war ihnen eindringlich genug beigebracht worden, was sie auf keinen Fall tun sollten. Die anderen würden noch schlafen, es würde barmherzig sein.

Erst in ein paar Stunden würde ein weiteres Gerät anfangen zu piepen, weil es merken würde, dass etwas nicht stimmte, und eine weitere kleine rote Null würde irgendwo blinken, obwohl niemand ihr mehr dabei zusah.