Das Gras überzieht ein Netz glitzernder Perlen aus Tau, als er am frühen Morgen seine barfüßigen, krummen Beine ins Freie setzt. Die Kälte kriecht ihm bis in die Knochen, doch er setzt entschlossen seine Schritte fort. Er stakst mit einer Schere ausgerüstet durch den viel zu hoch gewachsenen Rasen. Bei den Rosen angekommen, hält er die Nasenspitze daran und zieht den lieblichen Duft ein.
Als er den Stiel der Rose abtrennt, grummelt er verlegen: „Entschuldigung.“
Säuberlich entfernt er die vielen Stacheln, bis er die Rose in seiner bloßen Hand tragen kann. Er streift weiter durch das feuchte Gras. Seine Zehen spürt er mittlerweile nicht mehr. Am Schlehenkraut angekommen, misst er die Länge des Rosenstiels und trennt mit zusammengepressten Lippen ein paar Zweige in passender Länge ab.
Aus seinen Errungenschaften formt er einen Strauß, bis sich die Rose wie ein sonnengereifter Pfirsich in das Meer winziger weißer Blüten des Schlehenkrauts einbettet. Die Farbe der Rose erinnert ihn an die geröteten Bäckchen seines Sohnes, als er ein Baby war. Schon lange hat er nichts mehr von ihm gehört.
„Was machst du denn da?“
Er folgt der Stimme und wendet sich zum Haus. Dort steht seine Frau Anne. Sie lehnt an der Terrassentür und hält die Arme verschränkt. Sie trägt noch den gelben Bademantel.
Er streckt den Arm nach oben und winkt mit der Schere in der Hand, während er den Blumenstrauß hinter seinen Rücken versteckt hält.
„Komme gleich“, ruft er.
„Setz doch schon Wasser auf“, will er noch sagen, doch die Worte bleiben ihm heiser im Hals stecken. Als er sich mehrmals räuspert, ist seine Frau bereits verschwunden.
Er schlurft zurück zum Haus. Als er es betritt, verzieren winzige Grashalme seine Füße. Normalerweise hätte er sie säuberlich von seiner Haut gepult. Doch heute hat er Wichtigeres zu tun. Er steckt den Strauß in eine Vase und platziert sie auf den hölzernen Esstisch. Ein behaglicher Schauer an Erinnerungen durchfährt ihn bei dem Gedanken daran, wie viele Worte sie hier miteinander gewechselt haben.
„Höchste Zeit für Kaffee, sonst falle ich tot um“, kommt es von oben in dumpfen Tönen.
Die Kleiderschranktüren quietschen, als ob sich Anne gerade nach passender Kleidung umsieht.
„Bloß nicht“, sagt er.
Er richtet die Blumenstiele zurecht und begutachtet sein Werk. Dann steuert er in die Küche. Er setzt Wasser auf und lässt Pulver in den Kaffeefilter rieseln. Auf einen Porzellanteller mit goldener Verzierung legt er ein paar Kekse. Er gießt das kochende Wasser über den Filter und hofft, dass etwas vom Kaffeeduft bis in die Ecken des Schlafzimmers zu Anne gelangt.
„Kaffee ist fertig“, ruft er.
Er schenkt sich Orangensaft ein und denkt an seinen Kardiologen, der ihm sprichwörtlich ans Herz gelegt hatte, Koffein zu meiden. Eigentlich soll er auch vom Zucker die Finger lassen und noch dazu an Gewicht verlieren. Doch er ist doch hier, um zu leben, und nimmt einen kräftigen Schluck Saft. Daraufhin lässt er sich in den Ohrensessel im Wohnzimmer fallen und blättert wie gewöhnlich durch die Tageszeitung.
Während er die Schlagzeilen überfliegt, beginnen die Worte von den Zeilen zu purzeln. Sie verschwimmen zu einem milchig gefärbten Bild. Seine Lider fühlen sich so schwer an, als zöge jemand mit aller Kraft daran. Die Zeitungsblätter gleiten durch seine Finger und segeln zum Boden. Er lehnt sich zurück, überlässt sich der Schwere seiner Lider, Arme, Beine, …
„Hans?“
„Hans!“
Als er aufwacht, lässt er ein lautes Grunzen ab, das ihn selbst erschrickt. Er reibt sich die Augen und blickt sich um. Der Blumenstrauß auf dem Esstisch hilft ihm, sich zu orientieren. Um sich aufzurappeln, muss er die Arme fest in die Lehne des Ohrensessels pressen, bis sein Körper gegen die Erdanziehungskraft ankommt. Irgendwann kommt er wohl nicht mehr hoch und muss die Feuerwehr alamieren.
„Kommst du, Anne?“, ruft er.
Er hört die Klospülung und kurz darauf eine Türe schließen. Er steuert zum Esstisch und steckt sich einen Keks im Ganzen in den Mund. Er wirft einen Blick auf die Wanduhr.
„Wir müssen wirklich los“, murmelt er.
Ein Schwall Brösel landet in hohem Bogen auf seinem Hemd. Er klopft sie ab und stellt mit Erschrecken fest, dass etwas Speichel, vermutlich Spuren seines Nickerchens, ebenfalls darauf gelandet ist. Er versucht, das Hemd mit dem nassen Spüllappen zu retten, als das Treppenknarzen ihn hochblicken lässt. Anne steht in einem hellblauen Hosenanzug am Absatz der untersten Treppe und wühlt wie gewöhnlich in ihrer Handtasche, um bloß nichts zu vergessen. Ihr langes graues Haar fällt wie ein schwerer, edler Vorhang an ihren Schultern herab. Er ist sich sicher, er kann ihren blumigen Duft bis hierher riechen.
-
Er parkt direkt vor dem kleinen Restaurant, das an einem frühen Dienstagmittag wenig besucht ist.
„Buongiorno Signore“, grüßt ihn die Kellnerin und weist zu einem Platz am Fenster. Sie legt die Speisekarte auf den Tisch und nimmt die Getränkebestellung an. Er legt die Karte beiseite, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Die Auswahl hat sich nicht groß verändert in den vergangenen zwanzig Jahren.
„Was darf es sein?“, fragt die Kellnerin. Längst kommt er nicht mehr so oft wie früher. Er geht die Liste der Namen der Angestellten durch. Beim Namen Cattano macht es einen jugendlichen Sprung in seinem ansonsten eher trägen Kopf.
„Als Vorspeise Bruschetta. Zum Hauptgang Rigatoni alla Carbonara und die Gnocci della Nonna“, sagt er und setzt ein, „Grazie, Frau Cattano“ nach.
Dabei kommt ihm sein Grazie eher wie die quietschende Kleiderschranktüre zu Hause vor als ein italienisches Wort. Sie lächelt, als sie ihren Namen hört.
„Sie haben großen Appetit“, sagt sie und nimmt die Speisekarte mit.
Als es in seinem Bauch wie zur Bestätigung grummelt, greift er zum Ciabatta und tunkt es in Olivenöl.
Schon bald folgt das Essen. Mit großem Appetit isst er seinen Teller leer und kratzt den Rest der Käsesoße mit Ciabatta vom Teller. Als schließlich nichts mehr übrig ist, unterdrückt er einen Rülpser und sein Brustkorb wölbt sich.
„Basta?“, fragt Frau Cattano.
Er nickt und zieht an seinem Hosenbund, der plötzlich unangenehm eng geworden ist.
„Wollen Sie die Rigatoni einpacken lassen?“, fragt sie und deutet mit dem Kinn zum zweiten Teller.
„Die sind für meine Frau“, sagt er.
Frau Cattano zieht die Augenbrauen hoch. Dann legt sie den Teller ab und nimmt direkt gegenüber Platz, als seien sie beide zum Mittagessen verabredet. Ihr Lippenstift leuchtet kräftig rot wie eine überreife Tomate.
„Ihre Frau? Aber …“, sagt sie und verstummt.
Er putzt seinen Mund mit der Stoffserviette.
„Ja, aber?“, fragt er.
„Es tut mir leid, aber sie ist seit zwei Jahren tot“, sagt sie und tätschelt seine Hand.
Mit der freien Hand schenkt er Wasser nach und nimmt einen Schluck. Er lächelt und schweigt.
„Ist es nicht langsam Zeit für die Realität?“, fragt sie.
Er erinnert sich. Frau Cattanos Familie lebt in der Nähe von Bari. Jeden Sommer fährt sie für vier Wochen dorthin, um ihre Mutter zu unterstützen. Wenn er es richtig im Kopf behalten hat, leidet die Mutter an Parkinson.
„Wenn Sie träumen, Frau Cattano, ist das nicht Realität?“, fragt er.
Sie seufzt und hält ihm den Teller mit den Rigatoni vor das Gesicht.
„Das ist die Realität: Pasta“, sagt sie.
Obwohl er übersatt ist, duftet der Teller fantastisch. Darauf türmt sich ein Häufchen Rucola.
Rucola ist in ihrem Garten zuletzt wie Unkraut gewachsen. Anne hat alles versucht, um ihn zu verwerten, bis sie beide keinen Stiel Rucola mehr sehen konnten, geschweige denn noch davon essen.
„Es war köstlich wie immer“, sagt er und schiebt seinen Stuhl zurück. Ohne die Rechnung abzuwarten, legt er den Betrag mit reichlich Trinkgeld auf den Tisch. Bevor er mit schweren Schritten die Tür durchschreitet, wirft er einen Blick zurück.
Anne steht hinter der Kellnerin. Sie greift mit bloßen Händen den Rucola und schiebt ihn sich in den Mund.
„Schmeckt schon wieder“, sagt sie und lächelt.
