Geschäftskunden

Pfannkuchen mit Marmelade

von Theresa Klinz

„Was soll ich anziehen?“ Mein Vater hält sich einen grünen Strickpulli vor die Brust und betrachtet sich im Spiegel. Wir haben 28 Grad und auf dem Dach frittieren die Tauben.

„Nimm das T-Shirt“, sage ich.

Er schürzt die Lippen. „Deine Mutter mag aber Grün am liebsten.“

Waldmeistergrün. Denke ich.

„Schön für sie.“ Sage ich.

Mein Vater behält den grünen Pullover und legt das T-Shirt zurück in den Schrank. „So heiß wird es schon nicht sein. Wir können ja ein Eis essen gehen, wenn Sie zurückkommt.“

Ich schaue ihn an. „Sie kommt nicht zurück.“

 

Als ich sehe, wie die Knöchel an seinen Händen weiß hervortreten, tut es mir sofort leid.

Seine Finger zerknautschen den grünen Pullover. Er sieht aus wie ein Haufen Seetang, der vom Meer an den Strand gekotzt wurde.

„Ich mach dann mal Pfannkuchen“, quetscht mein Vater bemüht fröhlich hervor. Er legt den Pullover sorgsam über die nächstbeste Stuhllehne und drückt sich an mir vorbei.

Ich mache ihm keinen Platz.

Pfannkuchen mit Marmelade. Wie ich es hasse.

Als Kind waren Pfannkuchen für mich wie Geschenkpapier und ich wollte so viel darin einwickeln, wie ich konnte: Bananen mit Nougatcreme, zerbröselte Müsliriegel, Karotteneis oder einfach Zimt und Zucker. Was auf dem Teller landete: Immer nur Pfannkuchen mit Marmelade.

Dumpf höre ich, wie mein Vater in der Küche die Schränke durchwühlt.

Ob meine Mutter in diesem Moment auch Pfannkuchen backt? Vielleicht sucht sie gerade die letzte Packung Mehl. Oder sie zerbricht in diesem Moment ein Ei. Und vielleicht tunkt sie auch ihren kleinen Finger in den süßen Teig, um ihn heimlich abzuschlecken, so wie ich es früher oft tat.

Oder. Sie war längst tot.

 

Ein verbrannter Schrei reißt mich auf meinen Gedanken. Als ich die Tür zur Küche aufsprenge, schlägt mir ein Schwall Qualm ins Gesicht. Das Fett brutzelt wild in der Pfanne und die Spritzer fressen sich wie Granatensplitter in die Tapete. Die Schüssel liegt am Boden und der Teig klebt an den Schränken, den Fliesen und sogar an den Gewürzdosen. Wahrscheinlich würde ich noch in einem Monat ein paar eingetrocknete Tropfen in den Fensterritzen finden.

Vor mir steht mein Vater und hält sich mit glasigen Augen seine Hand.

„Nur ein Schluck Wasser“, stammelt er. „Ich wollte es doch nur abwaschen.“

Seufzend nehme ich die Pfanne vom Herd, und öffne das Fenster, während weitere Satzreste von seinen Lippen bröckeln. Dann presse ich einen Kühlakku auf seine gerötete Hand und verfrachte ihn behutsam ins Wohnzimmer.

„Nicht schlimm“, beruhige ich ihn, während er in den Sessel sinkt, „Ich mach das schon.“ Mit einem Klick schalte ich seinen Lieblings-Podcast ein.

Als ich auf Knien die Sauerei in der Küche aufwische, höre ich ab und an sein Lachen aus dem Wohnzimmer. Erst wackelig, dann immer fester.

Und ich denke: Warum hat sie mich nicht mitgenommen?

 

Als Kind war ich der festen Überzeugung, dass meine Mutter sogar das Meer zur Flaute zwingen konnte. Sie strahlte eine Ruhe aus, die ich bei keinem anderen Menschen je wieder gespürt habe. Und sie konnte jedes Problem auf simple Weise lösen: Pfannkuchen mit Marmelade.

Ein aufgeschürftes Knie oder eine Fünf in Musik: In der Küche brachte meine Mutter die Welt wieder in Ordnung. Meine und die meines Vaters.

Nach der Arbeit saß sie oft in ihrem Atelier und arbeitete an Holz- oder Steinfiguren. Eigentlich war es unser Keller. Aber sie nannte es ihr Atelier. Das Licht musste erst durch verschmierte Fenster waten, bevor es sich an die feuchtkalten Wände schmiegen konnte. Und je dreckiger die Fenster mit den Jahren wurden, desto öfter verschwand meine Mutter im Atelier. Manchmal sah ich zu, stundenlang. An anderen Tagen riss ich ihr das Werkzeug aus den Händen. Aber egal, was ich tat: Sie schien mich nicht wirklich zu bemerken. Wenn ich sie traf, verlor sich ihr Blick in fernen Gedanken. Oder ich fand sie eingefroren in einer Bewegung und musste ein wenig an ihr rütteln, damit sie aus ihrer Starre erwachte. Manchmal hatte ich auch Angst, dass sie tot war.

Eines Tages kam ich von der Schule und die Wohnung war leer. Ich suchte sie in jedem Zimmer und sogar unterm Bett. Aber das Einzige, was ich von ihr fand, war ein angebissener Pfannkuchen mit Marmelade.

 

Als ich den vermeintlich letzten Spritzer Teig in der Küche aufgewischt und den Schwamm ausgewrungen habe, schaue ich nach meinem Vater. Er ist schon wieder mit den Oberteilen zugange.

„Brauchst du noch was?“, frage ich ihn. Er zupft am T-Shirt.

„Welches Oberteil soll ich denn nun anziehen?“, fragt er.

„Den grünen Pullover“, sage ich.

„Meinst du nicht, er ist zu warm?“, flüstert mein Vater.

Ich sehe ihn an. „Er ist genau richtig“, sage ich.

Mein Vater lächelt scheu, dann schließt er mich in seine Arme. „Fast so toll wie deine Mutter“, murmelt er und drückt mich fester.

Dann lässt er mich los und ich fühle mich wie ein nasser Sack Mehl, der zu Boden plumpst. Mein Vater strahlt mich an.

„Ich mache uns jetzt Pfannkuchen“, sagt er und verschwindet in die blitzblank geputzte Küche.

Ich lausche noch einer Weile seinen Geräuschen. Dann gehe ich ins Bad und nehme mir eine Schere.

 

Es riecht nicht mehr nach Verkohltem, als ich aus dem Bad komme, sondern nach heiler Welt. Mein Vater steht mit dem Rücken zur Küchentür und gibt gerade die letzte Kelle Teig in die Pfanne. Auf dem Tisch stapeln sich frisch gebackene Pfannkuchen.

„Möchtest du die Schüssel auslecken?“, fragt er unbekümmert und dreht sich um. Sein Lächeln schwappt unsicher, bevor es endgültig zusammenfällt. Sein Blick wandert über die Haarbüschel, die noch übrig sind. In den Fliesen spiegelt sich meine Kopfhaut wie ein abgeholzter Wald.

Dann brennt der letzte Pfannkuchen an.

 

Ich kann meinen Vater gerade noch davon abhalten, ein Glas Wasser auf den Pfannkuchen zu kippen. Nachdem ich die Pfanne vom Herd genommen habe, gehe ich einfach ins Wohnzimmer und überlasse ihm die immer noch saubere Küche. Er folgt mir ein paar Minuten später. In der einen Hand ein Teller mit Pfannkuchen. In der anderen ein Korb, der bis oben hin voll ist mit Marmeladegläsern. Brombeere, Himbeere, Erdbeere, Kirsche, Quitte …

Seine Bewegungen sind seltsam verzögert, als er die fettigen Pfannkuchen auf unsere Teller legt und sich mir gegenüber an den Tisch setzt. Ich schaue zu, wie er umständlich die Quittenmarmelade auf seinen Pfannkuchen träufelt und bis in die feinste Pore verteilt.

Dann beuge ich mich über den Tisch und nehme mir endlich Zimt und Zucker.