Ungläubig zog Stanglmayr seine Bahnen über den langen Flur, während ihm aus den Nebenzimmern, die vor ihm wie düstere Ausbuchtungen eines unwirtlichen Wasserkörpers lagen, kühle Luft entgegenströmte. Er starrte schräg und leer von oben auf den Boden und schüttelte seinen Kopf. Streng genommen gab es für ihn keinen Grund zur Klage, denn die Wohnung verfügte über alles Notwendige: Es gab eine Nasszelle, einen Farbfernseher und auch die versprochene Türe, die man mit üppigen Sicherheitsmaßnahmen gegen etwaige Eindringlinge verteidigen konnte, obschon er diese nicht zwingend benötigt hätte. Es gab auch ein Schlafzimmer mit einem Doppelbett, das zwar so entsetzlich hoch gebaut war, dass er sich fürchtete, nachts durch eine unbeeinflussbare Ganzkörperzuckung in die Tiefe zu stürzen, aber es hatte doch vier Beine sowie eine hölzerne Rückwand, und musste mithin als vollständig gelten.
Er unternahm eine weitere Runde durch den Flur. Sein Blick fiel abwechselnd auf den Boden, dann auf die Wände, hernach wieder auf die Decke und wieder von vorn. Das Ergebnis seiner sorgfältigen und wiederholten Prüfungen war, dass an diesem Ort etwas in Unordnung war, wenngleich er diesen Zustand nicht präziser zu benennen vermochte. Nicht zuletzt machte der äußere Anschein aller Bestandteile der ihn umgebenden Wohnlandschaft einen tadellosen und formvollendeten Eindruck. Ein weiteres Mal streifte der ältere Schmied unruhig vom einen Ende der Unterkunft – dort lag das Wohnzimmer, das in seinem kompletten Umfang mit unbeweglichen Einbaupolstern flankiert war – in das andere Ende, wo sich die Küche befand. Obwohl es wahrlich kein feiner Tag war und das ganze Land unter Nebel lag, war die Küche derart hell, dass ihm Stiche in den Schädel schossen. Nicht nur die Schränke der Einbauküche waren weiß, sondern auch die Arbeitsflächen, und auch wenn der fade Duft, der in der Luft lag, eindeutig bewies, dass der Boden aus Kohlenwasserstoffen bestand, blitzten auch sie – so schwarz das Erdöl auch war, aus dem man sie gebraut hatte – in gleißendem Weiß. Beruhigt stellte Stanglmayr fest, dass immerhin die Schubladengriffe aus kaltem, silbern glänzendem Edelstahl bestanden und hiermit eine willkommene farbliche Abwechslung boten. Aus dem Fenster blickend, das es glücklicherweise gab, fanden seine müden Augen Zuflucht in der adretten Parkanlage, in der sich hinter den vom müden Dunst beschwerten Lindenbäumen das Kurbad verbarg, für das man ihn hierher gelockt hatte. Während er versuchte, die einzelnen Grashalme auf der Wiese, die unter seiner Wohnung lag, als solche auszumachen und es ihm hierbei schwindlig wurde, fuhr ein plötzlicher Schreck in ihn hinein: Den ganzen Tag lang hatte er davon geträumt, sich eine dünne Stange Lauch in Ringe zu schneiden, sie anzuschwitzen und mit einer schönen Einbrenne in eine wärmende Soße zu verwandeln und damit ein paar gewöhnliche Spiralnudeln zu übergießen. Doch eine Nachlässigkeit hatte ihn versäumen lassen, den hierfür nötigen Einkauf rechtzeitig zu tätigen. Nun war es schon spät und jenseits von Tankstellen und Gasthäusern fiel ihm keine Stelle ein, an dem man zu dieser Uhrzeit überhaupt noch etwas zwischen die Zähne bekommen konnte.
Enttäuscht und der Mattigkeit voll öffnete Stanglmayr, einer hungrigen Langeweile folgend, nacheinander die reinweißen Schränke, und fand im dritten von links eine buntgelbe Tüte, die noch ordnungsgemäß versiegelt war. Sie war einfarbig und bildlos bedruckt und da die Beschriftung in einer fremden Sprache war, versuchte er, ihren Inhalt anhand des Geräusches auszumachen, das ertönte, wenn er sie schüttelte. Hierbei vernahm er nicht das feine Rieseln eines Pulvers, sondern das grobe Rascheln einer möglicherweise substanziellen Speise. Er entleerte den Tüteninhalt in einen Topf, den er im dritten Schrank von rechts gefunden hatte und dessen Maserung ihm nicht gefiel, und sah eine gefühlte Handvoll Nudeln mitsamt eines gelben Pulvers aus der Aluminiumhöhle gleiten. Als er Wasser hinzugoss, ertranken die Nudeln augenblicklich, während das Pulver und das kühle Nass plötzlich verschieden große gelbe Klumpen ausbildeten, die obenauf schwammen und sich partout nicht miteinander vermählen wollten.
Stanglmayr glaubte nicht daran, dass aus alledem, was er da tat, etwas werden würde. Überdies war er, wie schon öfter an jenem Tage, unschlüssig, warum er sich überhaupt an diesem Ort aufhielt. Man hatte ihm in Aussicht gestellt, dass er von dem Aufenthalt profitieren würde, dass seine brüchigen Gelenke durch das warme Heilwasser und durch besondere Anwendungen saniert werden könnten. Nur war er eben unsicher, ob er überhaupt an Gelenkbeschwerden litt, da er von jenen zumindest noch nichts mitbekommen hatte.
Je wärmer das Wasser in seinem Topf wurde, desto bereitwilliger ging das Pulver die gewünschte Verbindung ein. Was sich da in seinem Topf bewegte, blieb zunächst ein trübweißes Gebräu, aus dem manchmal einzelne Nudeln wie fliegende Fische über die Wasseroberfläche sprangen, um sich augenblicklich wieder in die Tiefe der werdenden Soße zu verabschieden. Der Geruch des Gebräus trug beißende Noten von Zwiebeln, ferner ein kräftiges Gesamtbouquet, das an Käse erinnerte, und auch glaubte er Nuancen von Wiesenkräutern zu verspüren, insbesondere den guten alten Liebstock und die liebe Petersilie. Doch wo waren sie? Er hatte keinerlei grüne Partikel in dem Pulver gesehen, alles war ein einheitliches Gelb, gelb wie die Sonne, die sich an jenem trüben Tage nicht hatte blicken lassen wollen. Er fragte sich, ob es tatsächlich der Käse war, der das Pulver gelb färbte – das war zu hoffen, denn gemeinhin genoss Käse ja den Ruf, gelb zu sein. Ein gewisses Misstrauen hatte sich in ihm aber doch geregt, denn für gewöhnlich war Käse eben auch etwas unförmiges Weiches, manchmal auch ein harter und bröckliger Klotz, aber sicherlich kein spröd-kristallines Pulver. Ein aparter Gedanke drängte sich ihm auf: Wies vielleicht jedes Ding auf dem Erdball, mahlte man es nur fein genug, eine gelbe Farbe auf? Oder war ganz im Gegenteil alles hoffentlich Essbare, das man in diese Tüte hinein zerstäubt hatte, ursprünglich farblos, durchsichtig oder gar unsichtbar gewesen, bis man die gelbe Farbe erst durch Beigabe eines Farbstoffes erzeugte – sozusagen als eine fahle Reminiszenz an den historischen Käse der Vergangenheit? War die gelbe Farbe des Pulvers insgesamt als Kunstgriff zu verstehen, um einer sonderbaren Angelegenheit ein halbwegs menschliches Antlitz zu verpassen?
Plötzlich wurde Stanglmayr von einem rhythmischen Klopfen heimgesucht, dessen Ursprung er zunächst nicht benennen konnte, das ihn aber bis aufs Mark beunruhigte. Ein Ratz, der auf dem Plastikboden der Küche auf und ab tanzte, konnte es nicht sein, denn hierfür war der Boden zu weich und die Küche zu sauber. Eher schon hätte es der Herd sein können, denn der verhielt sich seltsam, gab immer wieder ein surrendes Geräusch von sich, heizte sich auf und kühlte sich wieder ab – all das war ihm nicht geheuer –, doch als er sein rechtes Ohr dem Herd entgegenneigte, wurde das Pochen leiser statt lauter. Er schlich zum Fenster und sah, dass es ein Rabe war, der mit seinem orangefarbenen Schnabel sanft gegen die Scheibe pochte. Stanglmayr blickte tief in seine schwarz glänzenden Augen, die ihn zu warnen schienen: „Iss das nicht, es ist nicht gut für dich!“ Stanglmayr war kurz versucht, sich vor dem Topfinhalt zu grausen, und er hätte nach allem, das er in den vergangenen Minuten erlebt hatte, allen Grund dazu gehabt. Doch betört durch den Geruch, der sich in der Küche verströmte, wuchs und überwog in ihm schließlich eine zaghafte Begeisterung für die Brühe unter ihm. War den Herstellern dieser Nudeltüte vielleicht tatsächlich das Kunststück gelungen, die ihr innewohnenden Zutaten auf ihre tiefste innerliche Essenz hin zu konzentrieren: die seit Menschengedenken bestehende Idee, Nudeln und Käse miteinander zu verbinden, auf eine edlere Ebene zu heben als je zuvor, sie damit zu etwas Erhabenerem zu machen als alles, was in allen bäuerlichen Stuben der vergangenen Jahrhunderte auf den Tisch gekommen war? War aus demselben Grund vielleicht sogar eine Hochhaltung, eine Anbetung, eine Verehrung des Tüteninhaltes geboten? Zwei Pfund Käse verdichtet auf einen Teelöffel – war das nicht ein ähnlich hochstehendes Weltwunder wie die heiligen Pyramiden im Orient? Hatten die Bauern früher vielleicht nur deshalb echten Käse in ihre Nudeln gerieben, weil die Maschinen, mit denen man Käse und Kräuter in gelbes Pulver verwandeln konnte, noch nicht erfunden worden waren? Stanglmayr bedankte sich bei dem wohlmeinenden Vogel, der noch immer draußen saß und ungläubig in die Küche schielte, aber maß seinen Warnungen fürderhin keine Bedeutung mehr bei. Er war nun mit jeder Pore seines Körpers neugierig auf das Ergebnis des Abenteuers, in das er hineingeraten war. Millionen Hausmänner und -frauen konnten schließlich nicht irren. Oder etwa doch? Flüchtige Zweifel, ein Hauch von naiver Sehnsucht nach dem Vergangenen trübten kurz seine Sinneswelt: Warum war er nicht daheim geblieben, warum hatte er diese sonderbare Kur nicht ausgeschlagen? Daheim hätte er sich ein irdischeres, diesseitigeres, menschlicheres Abendessen zubereiten können, ein Abendessen wie aus seiner Kindheit.
In jedem Falle aber, dachte Stanglmayr, würde ihm die Erfahrung des Nudelgerichtes, das inzwischen durchgegart war, als Gesprächseinstieg dienen, wenn am Folgetag die Gestalten mit ihren tief ausgeschnittenen grünen Roben erscheinen würden, um ihn unter dem Vorwand, seine vermeintlichen Knieschmerzen lindern zu wollen, in sonderliche Edelstahlwannen zu tunken. Jene Wesen, von denen sein Verstand zwar wusste, dass sie ihre grüne Kleidung nach dem Dienste ablegten, aber von denen er sich dennoch nicht vorstellen konnte, wie sie ohne diese absonderlichen Gewänder aussehen würden, geschweige denn, dass es auch eine Seite an ihnen gab, die – wie er – ein gewöhnliches bürgerliches Leben führte.
