„Werde ich heute sterben?“ Die mit heiserer Stimme gesprochenen Worte schlagen ein wie eine Bombe. Das komplette Visitengeschwader der Station hat sich in Zimmer 5 versammelt, wo ein vom Krebs zerfressener Mann die Frage gestellt hat, vor der sich jeder fürchtet. Gespannt warte ich auf die Antwort des Oberarztes, während ich, wie alle anderen, die Luft anhalte. „Ja. Ich denke schon, im Laufe des Tages.“ Der Doktor hat die einzig richtigen Worte gewählt. Bedächtig und gefühlvoll vorgetragen, aber die Wahrheit nicht verschleiernd. So viel Ehrlichkeit hat ein Sterbender in meinen Augen wirklich verdient. Der achtundsechzigjährige Mann, der in den frühen Morgenstunden eingeliefert worden ist und zu dem ich keine Vorgeschichte kenne, nickt dankbar. Er weiß es. Er wird das Abendläuten der benachbarten Kirche nicht mehr hören. Die Luft im Krankenzimmer ist zum Zerreißen gespannt. Niemand hat mehr Fragen. Die Medizin ist an ihre Grenzen gestoßen. Darmkrebs. Lebermetastasen. Hirnmetastasen. Ein schreckliches Triumvirat, das diesen Menschen von einst stattlicher Statur zu einem Häufchen dahinsiechenden Elends degradiert hat. „Ist meine Frau da?“ Kaum hörbar kommt die Frage des Mannes bei uns an. „Wir haben sie angerufen. Sie ist bestimmt schon auf dem Weg“, antwortet der Oberarzt. Das war’s. Mehr interessiert den Sterbenden nicht. Die Schar Weißkittel zieht weiter. Nur Schwester Alina, die als Krankenpflegerin für dieses Zimmer auf der Station zuständig ist, und ich, die unbezahlte Praktikantin, bleiben da. Alina fragt, ob er etwas brauche. Eine frische Windel? Etwas zu trinken? Aber der Patient hat keinen Wunsch. Er will nur seine Frau sehen. In Anbetracht des Todes verlieren Zähneputzen und Rasieren nun auch wirklich an Bedeutung. „Kann jemand bei mir bleiben?“, will er wissen. Während wir beide je eine seiner Hände halten, wiegt Alina die Antwort bedächtig ab. „Ich habe auch noch andere Patienten.“ Und das hat sie wirklich, drei Zimmer, acht Menschen an der Zahl. „Aber die Alex, die bleibt bei Ihnen, bis Ihre Frau kommt, einverstanden?“ Er nickt. Und ich habe keine Wahl. Ich will doch gar nicht. Ich bin die Pflegepraktikantin, überrumpelt, ungelernt und im Umgang mit Sterbenden nicht geschult. Aber das interessiert niemanden. Alina verlässt den Raum und ich bleibe allein mit einem Schatten von Mensch zurück. Peinliche Stille. Was soll ich tun? Oder unterlassen? Fast manisch streichle ich seine linke Hand, die ich eh gerade halte. „Kannst du auf die andere Seite gehen? Ich kann mich nicht mehr umdrehen.“ „Ach so, ja klar.“ An das habe ich gar nicht gedacht. Ich wechsle die Bettseite, ziehe mir einen Besucherstuhl heran, setze mich und beginne seine rechte Hand zu halten. Zwei sehr müde Augen schauen mich an. „Ich bin die Alexandra“, stelle ich mich vor. „Und ich passe so lange auf dich auf, bis deine Frau kommt, gell.“ „Ich heiße Benno“, haucht es mir leise entgegen. Nicht abgesprochen duzen wir uns. Erneut diese peinliche Stille. Ich bin so überfordert, dass mir die Worte fehlen, obwohl ich sonst nicht auf den Mund gefallen bin. „Erzähl mir was.“ Die kraftlose Stimme macht mich fertig. „Ähm, was soll ich denn erzählen?“ Innerlich zittere ich, bin nervöser als bei der mündlichen Abiturprüfung. „Einen Witz?“, schlägt Benno vor. „Einen Witz? Na gut.“ Und ich krame den einzigen hervor, der mir immer einfällt, in jeder Lebenslage: „Warum sind Bienen nie katholisch?“ Er grinst leicht, sagt aber nichts. „Weil sie in Sekten sind.“ Ich versuche zu lachen, aber es gelingt mir nicht. Benno dagegen schafft es. „Den kenne ich schon. Erzähl noch einen“, fordert er mich auf. Gerne würde ich noch einen raushauen, einen richtigen Kalauer, aber mein Gehirn ist wie vernagelt. Leer. Wo sind die Witze, die ich letztes Weihnachten erzählt habe? Fünfundvierzig Minuten lang reihte ich einen Gag an den nächsten, bis die Schwiegereltern meines Cousins vor Lachen fast unter dem Christbaum lagen. Aber jetzt? „Was ist orange und geht auf den Bergen spazieren?“ Benno zuckt nur unmerklich mit den Schultern. „Eine Wanderine.“ Auffordernd gucke ich ihn an, damit er lacht, aber den Gefallen tut er mir nicht. „Den kapiere ich nicht.“ „Das war ein Flachwitz. Und ein schlechter dazu.“ Aber mir ist einfach kein besserer eingefallen. Dann, plötzlich, aus einer ganz verlegten Hirnwindung, kommt mir ein weiterer Witz in den Sinn. „Was sagt der Wind des Meeres zur Palme am Strand?“ Wieder dieses minimale Schulterzucken. „Halt deine Nüsse fest, ich blas dir einen.“ Benno lacht. Es ist das erste Mal, dass ich ihn in Bewegung sehe. Er lacht, in Anbetracht seiner Möglichkeiten, aus ganzer Seele, vom Scheitel bis zur Sohle. „Der ist gut. Den verstehe ich auch“, meint er. Von da an ist das Eis gebrochen. Witze fallen mir keine ein, aber in meiner Not erzähle ich ihm lustige Sachen aus meiner Familie: Am Wochenende habe ich den Kuchen aus der Cafeteria nachgebacken und der Obstbelag ist mir immer vom Biskuitboden gerutscht, sodass der Kuchen auf den Tellern eine einzige Matsche war. Ich erzähle ihm von meinem Cousin, der seinem Hundewelpen einmal als Erziehungsmaßnahme ins Ohr biss, weil er das einst in einem Film gesehen hatte. Und natürlich lasse ich nicht aus, dass er nur ganz leicht knabberte und mein Cousin mehr als der Hund gestraft war, weil sich all die Haare in seinem Mund verteilten. Danach wurden die beiden für zwölf Jahre ein unzertrennbares Team. Ich erzähle ihm die Story von unserem neuen Auto. Ursprünglich wollten wir ein rückenfreundliches kaufen und zu guter Letzt landeten wir bei der Sportwagen-Edition, deren Einstieg nochmals zwei Zentimeter tiefer lag als bei unserem Vorgängermodell. Ich erzähle und erzähle. Zwischendurch lacht Benno, so gut es ihm sein Körper erlaubt. Das ist auch mein einziges Ziel: Ihn so lange zu bespaßen und abzulenken, bis seine Frau ankommt. In Gedanken frage ich mich, wie lange man für die Fahrt von Pfreimd nach Regensburg braucht. So viele Baustellen können doch die Autobahn gar nicht blockieren. Aber der Zustand der deutschen Straßen ist gerade nicht mein Bier. Ich habe eine andere Aufgabe: Benno über die Zeit zu helfen. Als er einmal die Augen schließt und seine Atmung aussetzt, während ich ausschweifend von meinem Kumpel Bernhard berichte, der mich im Leben in die ein oder andere peinliche Situation gebracht hat, rutscht mir mein Herz in die Hose. „Hey, wachbleiben! Deine Frau ist noch nicht da!“, plärre ich ihn im tiefsten Dialekt an. Immer, wenn ich über Gebühr nervös bin, vergesse ich, Hochdeutsch zu sprechen. Bennos Zeit ist noch nicht gekommen und er macht die Augen wieder auf. „Ich liebe meine Frau. Sie ist die Liebe meines Lebens. Wir sind seit fünfunddreißig Jahren verheiratet und ich habe jeden Tag mit ihr genossen.“ Das erste Mal ist seine Stimme kräftiger. Ich unterdrücke die Tränen. Normalerweise heule ich schon bei traurigen Disney-Filmszenen los. Aber jetzt? Im wirklichen Leben ist es erstens viel schlimmer und zweitens kann ich doch hier nicht rumflennen! Ich schlucke meine Gefühle hinunter, die härteste Aufgabe an diesem Tag. „Ich will in den Armen meiner Frau sterben“, erklärt Benno. „Es gibt nichts, was ich dir sehnlicher wünsche. Aber bis sie kommt, musst du mit mir Vorlieb nehmen.“ Dann erzählt er mir von seinem Sohn Boris, seinem ganzen Stolz. Von einem Kanada-Urlaub. Von den Hasen im Garten. Er spricht so liebevoll von seiner Familie, dass ich erneut gegen die Tränen kämpfe. Es ist so ungerecht, dass er sterben muss, obwohl ich ihm und seiner Frau eigentlich die diamantene Hochzeit noch wünschen würde. Nach den Schilderungen über seine Familie ist Benno ausgelaugt. Mit den Worten Sterben ist gar nicht so einfach, beendet er seinen Monolog. Dieser eine Satz zerstört endgültig meine bröckelige Fassade der Professionalität. Tränen rollen mir über die Wangen und ich kann sie nicht aufhalten. Mit dem Ärmel meines grauen Kasaks wische ich sie hastig weg. Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll. Ich bin platt. Total übermannt. Damit die erdrückende, teuflische Stille keine Chance hat, übernehme ich trotzdem mit wackeliger Stimme wieder das Redezepter. Mein Gegenüber ist zu schwach, um noch zuzuhören. Aber ich gebe nicht auf. Die Zeit bis zur Ankunft seiner Frau werde ich überbrücken, koste es, was es wolle. Noch ein Atemaussetzer, noch ein Ausflug meines Herzens in meine weiße Klinikhose. Nichts hält mich davon ab, weiterzumachen. Ich weiß selber nicht mehr, welche Geschichte ich ihm gerade erzählt habe, als es an der Zimmertür klopft. Seine Frau, die irgendwie ganz anders aussieht, als ich sie mir vorgestellt habe, und der Krankenhauspfarrer kommen herein. Euphorie durchfährt mich in Sekundenschnelle. Wir haben es geschafft. Seine Frau ist da. Meine Aufgabe ist erfüllt. Jetzt kann der Sensenmann kommen. Meine stillen Stoßgebete haben geholfen. Und vielleicht auch meine Witze, meine Familiengeschichten und lebendigen Schilderungen. „Dann gehe ich mal“, sage ich zu Benno und streiche ein letztes Mal liebevoll über seine Hand, die ich nun schon seit mehr als neunzig Minuten halte. „Danke.“ Seine Stimme bricht fast weg, aber ich weiß seine Anstrengung zu schätzen. „Komm gut rüber“, sage ich noch und bin selbst nicht sicher, ob ich den Jordan oder die Regenbogenbrücke meine. Später denke ich mir, dass dieser Satz die dümmste Verabschiedung des Jahrtausends war. Aber er ist mir einfach so rausgerutscht. Ich überlasse Benno seiner Frau und den wohl balsamreichen Worten des Priesters. Um zehn Uhr dreißig ziehe ich die Tür des Krankenzimmers hinter mir zu. Eine Viertelstunde später erreicht auch Bennos Sohn das Krankenhaus, um sich von seinem Vater zu verabschieden. Um kurz nach elf ist Benno tot.
