Als ich so ging, zu gegebener Zeit, um Zufälle zu provozieren, fand ich mich wieder, vor verschlossener Tür. „Ich bin es, mach auf“ – meine Stimme hallte durch den Korridor – „Hörst du mich? Wir suchen uns doch schon so lange, bitte sag, dass du da bist!“ – und ertrank in Stille. Dennoch legte ich meine Hand auf den Knauf und rüttelte heftig daran, als mich etwas im Nacken streifte, fast kitzelnd, als ob es winzige Spuren hinterließe, bevor ich es abschütteln konnte. Im dämmrigen Licht des Flures nahm ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung hinter mir wahr. Instinktiv duckte ich mich zur Seite, als das Objekt auf mich zusprang. Ein Insekt, sechs fadendünne Beinchen, ein zäher, ameisenartiger Körper, mit lächerlich kleinen Flügeln. Da begann der Boden zu verschwimmen, aus jeder Ritze krochen sie hervor, strömten geradezu hinaus. Ich ließ den angewidertesten Schrei los, den man sich nur vorstellen kann, aber der Schall zerfloss unter dem Türspalt. Gerne wäre ich ihm gefolgt, gerne hätte ich dich gefunden. Den Atem anhaltend, versuchte ich, zwischen den Scharen durchzutänzeln. Sie marschierten zielgerichtet auf mich zu, griffen nach meinen Füßen, bissen sich fest, Tausende kleine Beinchen trippelten meine Waden entlang. „MACH AUF, BITTE, SIE FRESSEN MICH“, ich hämmerte mit beiden Fäusten auf die hölzerne Tür ein, warf mich mit ganzem Gewicht dagegen. Knacken, Knarzen, ich taumelte nach vorne, fiel. Da war kein Raum, da war kein Boden. Nichts. Dann schwarz, blau, immer heller und heller. Entgegen meiner Erwartung bremste mich kein heftiger Aufprall. Ich landete rücklings in etwas, dass sich wie ein Netz anfühlte, federnd, sanft. Um mich herum ein schwarzer, raschelnder Regenschauer, als die Tierchen ihr Ende fanden. Doch bevor ich mich näher umsehen konnte, spürte ich, wie die merkwürdige Konstruktion zu sinken begann. Langsam glitt sie hinab und während ich mich umzudrehen versuchte, schlug mir eine eisige Welle entgegen: Ich erschrak und tauchte unter. Etwas zog das Netz und mich gleich mit. Ich riss meinen Kopf aus dem Wasser, schnappte nach Luft, machte panische Schwimmbewegungen und verhedderte mich. Dann ein Ruck – und ich stieß gegen die Kante eines Steges. Das glitschige Holz greifend wurde ich hinaufgezogen. Keuchend lag ich da, wie ein frisch gefangener Fisch. Das Erste, was ich wahrnahm, war ein tiefes, melodisches Summen. Dann schlurfende Schritte, die näher kamen. Ich befreite mich aus den Fäden und sah mich einem alten, amüsiert blickenden Herrn gegenüber. Sein großer, runder Strohhut war, wie sein Gesicht, von den Gezeiten gezeichnet und warf einen sanften Schatten auf dieses. Die langen, weißen Haare ruhten auf seinem simplen Gewand. Ein dünner Bart umrahmte seinen Mund. „Mein Junge, was führt dich zu so einem Ort?“, fragte er, in einer tiefen, warm dröhnenden Stimme. In Anbetracht der kürzlichen Ereignisse, wusste ich erst nichts zu sagen. „Wer sind Sie? Und noch viel wichtiger, wo sind wir hier?“, brachte ich schließlich hervor. Mit einem überraschend festen Griff, mit dem er auch zuvor das Netz eingeholt haben musste, nahm er mich am Arm und hieß mich an, ihm entlang des Steges zu folgen. Nach einigen Metern kamen wir an ein schmales Ruderboot. Der alte Fischer hüpfte agil in das Innere, ohne sein Gleichgewicht zu verlieren, und reichte mir die Hand. Da mir keine bessere Alternative in den Sinn kam, stieg ich, trotz großer Skepsis, zu ihm. Eine frische Salzbrise strich über mein Gesicht, als er ruhig zu sprechen begann: „Das ganze Leben über gehe ich schon auf wackligen Stegen. Rings um mich schwingen Wellen in immergleichen Bewegungen, platsch, knarz, platsch, knarz – gegen die Balken. Sie spielen mir ein Lied von der Heimat, sie laden mich ein, mit ihnen zu tanzen, hinunter ins schwärzliche Blau.“ Er schien meine Verwirrung bemerkt zu haben, denn er hielt mit einer beschwichtigenden Geste inne. Mit routinierten Bewegungen des Ruders ließ er das Boot sanft durch das Wasser gleiten. „Als Kind habe ich das Angeln geliebt, meine Eltern brachten es mir bei. Sie waren beide Fischer und irgendwann trat ich voller Stolz in ihre Fußstapfen.“ Ein nostalgisches, warmes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Plötzlich wurde es von einer Finsternis weggewischt. „Verflucht sei der Tag, an dem mir ein Reisender begegnete. Er gab mir einen Faden und lehrte mich, ein Fischnetz zu knüpfen. So fing es an. Ich webe Netze, so gut wie kein anderer. Aber ich habe keine Wahl, glaub mir, mein Junge, ich habe keine Wahl. Die Fäden, diese verfluchten weißen Fäden, zwingen mich dazu. Überall, aus allem, über allem, unter allem. Die ganze Welt umspanne ich mit Maschen, man könnte meinen, die Linien des Globus wären die Meinigen. Alles fange ich ein und will etwas entwischen, so ziehen sich die Fäden enger zu. Alles wollen sie beherrschen, an allem kleben sie.“ Immerhin wusste ich jetzt, was mich vorhin gerettet hatte. „Wen suchst du?“, fragte der Alte unvermittelt. „Woher weißt du, dass ich jemanden suche?“ Er blickte nachdenklich in die Ferne. „Sonst wärst du nicht hergekommen.“ „Einen Freund. Nun ja, vermutlich mehr als das. Wir lieben uns, verstehst du.“ Wir kamen an einen anderen Steg. Dieser jedoch führte zu einer winzigen Sandbank. „Ich helfe dir“ , sagte der Fischer. Auf dem Trockenen angekommen, griff er so viel Sand, wie er nur konnte. „Halte dieses Geschenk gut fest. Ihr werdet euch finden, er sehnt sich genauso nach dir!“, verkündete er, während er mir das Gestein in die offenen Handflächen legte. „Halte dich fern von den Fäden und nun mach dich auf den Weg.“ Die Erde begann zu beben, der Alte schaute mich gutmütig an, als ich wieder stürzte. Die Erde war aufgebrochen, an ihrer Stelle standen Tausende Maschen aus glänzendem Netz, sternenklar erhellten sie die Finsternis. Sie warfen mich hoch, federnd, schoss ich hinauf, durch sie durch, kein einziges konnte an mir haften bleiben, dorthin, woher ich gekommen war. Ich fand mich wieder, vor verschlossener Tür. In meinen Händen der nie enden wollende Sand, auf meiner Zunge ein Wort. Ich begann, Räume zu bauen und hielt dich in meinen Armen.
