Geschäftskunden

Zugausfälle

von Charlotte Vallaster

Komm schon, das durfte doch jetzt einfach nicht wahr sein! Mathilda wusste nicht, ob sie mit dem Fuß aufstampfen oder ihren Ärger doch lieber hinausschreien wollte. Eine Mischung aus Frust, Wut und Selbstmitleid hatte sich ihrer bemächtigt, sodass sie sich fragte, ob denn niemand die dunkle Gewitterwolke über ihrem Kopf sehen könne. Dabei war eigentlich alles gar nicht so schlimm, wenn man es objektiv betrachtete. Gut, sie hatte ihren Anschlusszug verpasst. Ja, der nächste würde erst eine Stunde später abfahren, sodass sie diese Zeit allein an einem Bahnhof zubringen würde müssen, der nichts zu bieten hatte außer einem Kiosk mit den üblichen nichtssagenden Zeitschriften. Ob der zu dieser Uhrzeit überhaupt noch aufhatte? Egal. Jedenfalls würde sie nun lediglich eine Stunde später nach Hause kommen als gedacht, alles halb so wild und kein Vergleich zu den Schwierigkeiten, mit denen andere Menschen tagtäglich zu kämpfen hatten.

 

All das war Mathilda klar, und doch hätte sie weinen können, als sie aus dem Zug ausstieg, der sie mit 15 Minuten Verspätung an diesen Bahnhof gebracht hatte. Sie wollte doch eigentlich einfach nur nach Hause auf die Couch, der Tag war schon lange und anstrengend genug gewesen! Seufzend sah sie sich am Bahnsteig um, doch alles, was sie erblickte, war grauer Beton und ein Himmel, der von der Abenddämmerung bereits rötlich gefärbt war. Der kitschige Sonnenuntergang passte im Moment überhaupt nicht zu ihrer Stimmung, und brutalistischer Stil mochte in den Sechzigerjahren vielleicht modern gewesen sein, doch Mathilda fand ihn einfach nur brutal. Was also anfangen mit einer Stunde Zeit an einem solchen Ort? Mathilda beschloss, sich erst einmal etwas zu trinken zu kaufen. Sie hatte heute vor lauter Stress in der Arbeit viel zu wenig Flüssigkeit zu sich genommen und wusste, es würde ihre Stimmung heben, wenn sie ihren Körper mit ein wenig Energie versorgte.

 

Als sie mit einer Flasche Apfelschorle (für 4 Euro, was für eine Unverschämtheit!) wieder zum Bahnsteig zurückkehrte (wohin sonst hätte sie gehen sollen? Rings um den Bahnhof existierte nichts, was sie jetzt interessiert hätte), gab der Lautsprecher an der Säule neben ihr plötzlich ein Knacken von sich. Eine undeutliche Stimme ertönte, die erklärte: „Aufgrund eines Notarzteinsatzes fällt der Zugverkehr Richtung A. leider auf unbestimmte Zeit aus. Wir informieren Sie, sobald es Neuigkeiten gibt!“ „Das kann doch nicht wahr sein!“, fluchte Mathilda innerlich, und kam sich dabei vor wie die kaputte Benjamin-Blümchen-Kassette aus ihrer Kindheit, die ständig denselben Satz abgespielt hatte. Was war denn heute bitte los? Mit einem Mal sehnte sich Mathilda in die Zeit vor 5 Minuten zurück, als sie noch in der Erwartung gelebt hatte, nur eine Stunde später zuhause anzukommen als ursprünglich geplant. Ein Blick in die App verriet ihr, dass auch keine Busse sie in absehbarer Zeit an ihr Ziel bringen konnten, und ein Taxi war ihr zu teuer für diese lange Strecke. Also stellte sie sich darauf ein, abzuwarten und darauf zu hoffen, dass die Bahn sich bitteschön irgendeine Lösung einfallen lassen würde.

 

Mit einem dumpfen, endgültigen und resignierten Klonk ließ Mathilda ihre Tasche neben sich fallen und setzte sich auf eine Wartebank am Bahnsteig. Immerhin war es ein lauer Sommerabend, sodass sie nicht würde frieren müssen in ihrer dünnen Jacke. Ihr Vater hatte Mathilda eingeschärft, sie solle immer ein wenig die Augen offenhalten, wenn sie unter Menschen war – im Blick haben, ob um sie herum möglicherweise etwas Gefährliches im Gange sein könnte. Deshalb (und weil sie nichts Besseres zu tun hatte) richtete Mathilda ihr Interesse jetzt auf die Personen in ihrer Umgebung. Tatsächlich konnte sie nur ein paar wenige Fahrgäste sehen, die wohl ebenso wie sie unfreiwilligerweise hier gestrandet waren. Etwa zwei Meter entfernt stand eine hübsche junge Frau, die gerade in ihr Handy blickte.

 

Als diese kurz aufsah, trafen sich ihre Blicke. Verlegen, weil sie die Dame etwas zu lange angestarrt hatte, wollte Mathilda gerade den Kopf abwenden, als ihr plötzlich klar wurde, dass die Fremde eigentlich gar keine Fremde war. Kurz war sie sich unsicher. Doch dann sah sie auch im Gesicht der Rothaarigen ein Erkennen aufblitzen. Das war eine Schulfreundin ihrer großen Schwester! Sie war recht häufig bei ihnen zu Besuch gewesen. Wie hatte sie noch gleich geheißen? Mathilda wollte schon innerlich ihr schlechtes Namensgedächtnis verfluchen, doch dann fiel es ihr gerade noch rechtzeitig wieder ein. „Hi! Du bist Sophia, richtig?“

 

Sophia nickte lächelnd. „Ja, genau, und du Mathilda. Ich musste tatsächlich einen Moment überlegen. Gott, ist das lange her, dass ich dich gesehen habe! Wie geht es dir?“ Froh, jemanden gefunden zu haben, mit dem sie reden konnte, antwortete Mathilda: „Gut, danke – abgesehen davon, dass ich mir diesen Abend etwas anders vorgestellt hatte als am Bahnhof herumzusitzen.“ „Wem sagst du das?“, seufzte Sophia und deutete auf den Platz neben Mathilda. „Darf ich mich zu dir setzen? Ich finde es in solchen Fällen immer schön, ein bisschen Gesellschaft zu haben.“ „Klar, sehr gern!“

 

Mathilda war dankbar, nicht mehr allein sein zu müssen, doch sie wusste auch nicht recht, worüber sie mit Sophia reden sollte. Die üblichen Smalltalk-Fragen nach Beruf und Lebenssituation waren schnell ausgetauscht, und danach begann eine etwas unangenehme Stille einzutreten. Also trank Mathilda erstmal einen Schluck von ihrer Apfelschorle. „Weißt du“, nahm sie dann das Gespräch wieder auf, „ich finde Bahnhöfe immer faszinierend. So viele Menschen kommen an einem Ort zusammen, dabei ist jeder auf dem Weg zu irgendeinem anderen Ziel. Und wenn dann irgendetwas Unvorhergesehenes dazwischenkommt wie jetzt gerade diese Streckensperrung, sitzen doch wieder alle am selben Bahnsteig fest und sind gezwungen zu warten.“

 

Sophia ließ eine kurze Pause vorübergehen, in der sie eine Packung Cookies aus ihrem Rucksack hervorzog und Mathilda einen davon anbot. In halb ironischem, halb ernstem Ton antwortete sie dann: „Ach, warum? Es gäbe doch jede Menge Optionen, was du jetzt tun könntest. Du hast die freie Auswahl: Du könntest dir ein Taxi rufen und dich an dein ursprüngliches Ziel bringen lassen. Du könntest aber auch beschließen, die Nacht in irgendeinem Club in der Nähe durchzutanzen und morgen früh den ersten Zug nach Hause zu nehmen. Du hättest die Möglichkeit, auf den nächstbesten Zug aufzuspringen und so lange in irgendeine Richtung zu fahren, bis du das Gefühl hast, aussteigen zu wollen. Du könntest die Wartezeit auch nutzen, indem du bei der karitativen Suppenküche um die Ecke mithilfst oder einem Obdachlosen Gesellschaft leistest, der auf dem Bahnhofsgelände Zuflucht gesucht hat. Es ist deine Entscheidung, du bist jetzt am Zug.“

 

Zunächst entfuhr Mathilda ein etwas bitteres Lachen angesichts dieser unrealistischen Szenarien. Doch mit einem Mal stockte sie und das, was sie gerade gehört hatte, kam ihr gar nicht mehr so unrealistisch vor. Sophia hatte ihre Worte eher scherzhaft dahingesagt, doch merkwürdigerweise konnte Mathilda nicht anders, als ernsthaft darüber nachzudenken. Ihr Leben hatte sich bislang in großen Teilen so abgespielt, dass sie ein wenig das Gefühl gehabt hatte, fremdgesteuert zu sein. Nicht, dass ihr irgendjemand großartig Vorschriften gemacht hätte – aber vom ersten unsicheren Trippelschritt an der Hand ihrer Mutter bis zum jetzigen Zeitpunkt, wo sie als erwachsene Frau auf eigenen Beinen stehen musste, hatte Mathilda stets versucht, ihren Weg so zu gehen, wie es andere von ihr erwarteten. Schließlich wollte sie niemanden enttäuschen, den sie gernhatte und dem sie wichtig war. Daher hätte sie Sophia am liebsten erwidert, dass man in seinen Entscheidungen doch immer auf gewisse Weise gebunden und das ganze Gerede von Zügen und Möglichkeiten deshalb absurd sei.

 

Und doch: Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr beschlich Mathilda die dunkle Ahnung, dass Sophias Worte eine Wahrheit beinhalteten, die der Sprecherin selbst möglicherweise gar nicht bewusst war. Diese Wahrheit machte ihr einerseits Angst, da sie ihr ein Maß an Verantwortung für ihr eigenes Leben übertrug, das sie eigentlich nicht haben wollte, wenn sie ehrlich zu sich selbst war. Es war schließlich einfacher, sich in seinen Entscheidungen von anderen leiten zu lassen und weniger nachdenken zu müssen. Andererseits allerdings durchströmte sie ein angenehmes Gefühl von Freiheit, wenn sie daran dachte, dass sie im Grunde selbst darüber bestimmen konnte, was sie aus einer Situation machte wie der, in der sie sich gerade befand. Das Leben war schließlich ein riesiges Netz von Gleisen, es gab so viele verschiedene Wege!

 

Und in ebendiesem Moment, während sie im Sonnenuntergang auf einer grauen Eisenbank an einem grauen Bahnsteig am Rand einer grauen Stadt wartete, die ihr im Moment rein gar nichts zu bieten hatte, schoss ihr plötzlich ein verwegener Gedanke durch den Kopf, der ihr selbst ein wenig Angst machte und gleichzeitig die dunkle Gewitterwolke über ihrem Kopf verpuffen ließ. Was, wenn sie einfach nicht darauf wartete, dass der nächste Zug in Richtung Heimat fahren oder Schienenersatzverkehr organisiert werden würde?

 

Das Geräusch eines klingelnden Handys schreckte Mathilda aus ihren Gedanken. Ihr wurde unangenehm bewusst, dass sie die ganze Zeit über, während sie über Sophia Worte nachgedacht hatte, stumm ihre nicht mehr ganz so weißen Sneaker angestarrt hatte, anstatt eine Reaktion zu zeigen, wie es höflich und erwartbar gewesen wäre. Sie richtete sich auf und traf eine Entscheidung. Lächelnd wandte sie ihrer Sitznachbarin den Kopf zu, die sie bereits fragend ansah: „Sophia? Ich glaube, ich muss mich jetzt von dir verabschieden. Es war sehr nett, dich zu treffen, und ich würde mich gerne weiter mit dir unterhalten. Aber ich habe heute noch etwas vor …“ Mit diesen Worten stand sie auf, schulterte schwungvoll ihre Tasche und ließ die Wartebank hinter sich zurück.