Geschäftskunden

Zuhause ist ausgesteckt

von Theresa Aurelia Apelsmeier

Ich tapse auf Socken durch die leere Wohnung. Es riecht noch ein bisschen nach Oma. Im, so gut es in einem Altbau möglich ist, barrierearm umgebauten Bad hängt noch ihr Nachthemd an der Haltestange bei der Dusche. Die Pflegeprodukte sind groß mit Edding auf Pflaster beschriftet „WASCHEN“, „SHAMPOO HAARE“, „SPÜLUNG HAARE“, „HANDSEIFE“. Ein Gefühl, als würde jemand mit Fäusten mein Herz zusammendrücken, durchdringt mich, als ich das Wohnzimmer betrete. Ein Tränenschleier legt sich über meine Augen. Ich blicke auf den mit Kissen voll belegten Sessel, in dem Oma immer saß und mit dem Kopf Richtung Brust, den Mund geöffnet, schnarchte, „nogschloufa is“, während im Hintergrund ein Gottesdienst im Fernsehen flimmerte oder aus dem Radio Rosenkranz gebetet wurde. Auch die Fernbedienung ist mit Pflastern beklebt, auf denen groß - und + erkennbar sind. Der Fernseher ist stumm. Überhaupt ist es stumm. Der Fernseher ist ausgesteckt, genau wie das Radio, die Stehlampe, die Überwachungskameras, über die man per App verfolgen konnte, ob Oma Schabernack macht. Ausgesteckt. So wie Oma sich fühlen muss, wenn sie uns, ihre Enkel und Kinder nicht erkennt. Wenn sie denkt, die Schuhe an ihren Füßen wären nicht ihre. Wenn sie sich fremd fühlt. Wenn sie nach Hause möchte, aber nicht mehr ganz genau weiß, wo zuhause eigentlich ist. Zuhause, wo jetzt alles ausgesteckt ist.

 

***

 

Es scheint Sonntag zu sein. Hab ich vorhin gehört. Oder war das gestern? Um mich herum im Raum, der nicht meine Küche ist, das weiß ich, sitzen viele Menschen, aber kein bekanntes Gesicht. Sie nennen mich beim Namen, wissen, wann es Essen gibt, wollen mit mir basteln. Ich habe keinen Appetit. Und keine Zeit zum Basteln. Was denkt der Mann im weiß-burgunderfarbenen Kasak sich? Der soll sich selbst beschäftigen, ich habe noch richtig viel zu tun. Meine Geschwister und Eltern kommen bald vom Feld und wollen Mittagessen und ich stecke hier fest und finde den Weg nach draußen nicht. Wie soll ich denn rechtzeitig mit dem Kochen fertig werden? Eine junge Frau mit roten Locken reißt mich aus meinen Gedanken. Ob wir zusammen zur Toilette gehen wollen und eine frische Hose anziehen. Kann sie das denn nicht alleine? Ich stimme zu, natürlich helfe ich ihr, obwohl ich nicht ganz verstehe, warum sie eine andere Hose möchte. Ich finde die, die sie trägt, eigentlich ganz schön. Im für zwei Menschen inklusive Rollator viel zu engen Badezimmer stellt sich heraus, dass Rotlöckchen MIR eine neue Hose anziehen möchte. Sie behauptet wirklich, meine wäre nass. So eine Frechheit! Als würde ich mir in die Hose machen wie ein kleines Kind. Nachdem ich der Aufforderung der fremden Frau gefolgt auf der Toilette sitze, bemerke ich überrascht, dass meine mit Watte ausgestopfte Plastikunterhose sich schwer anfühlt und fantagelb eingefärbt ist. Ich frage mich, wer zum heiligen Pistazius mir gelbes Limo in die Unterhose geschüttet hat und warum die Frau mit den roten Locken das scheinbar wusste. Vielleicht hat sie etwas damit zu tun. Vielleicht muss ich deswegen diese kratzigen Plastikunterhosen tragen. Ich versteh gar nichts mehr. Rotlöckchen trägt eine weiße Hose und einen weiß-burgunderfarbenen Kasak, wie Benjamin, der Mann, der mit mir basteln wollte. Anscheinend ist das jetzt Mode. Früher haben Frauen keine Hosen getragen. „Wanda“ steht auf dem Schild, das an ihrem Gewand hängt. Wanda bereitet das Waschbecken vor und platziert diverse bunte Plastikflaschen in Greifweite. Auf dem Flur piept es laut, während sie eilig aus dem Badezimmer über meinen Rollator stolpert und mir zuruft, ich solle mich waschen, sie würde bald zurückkommen. Dabei will ich mich doch gar nicht waschen. Ich muss nach Hause! Das Mittagessen muss zubereitet werden! Warum versteht das keiner? Ich entkomme der Situation nicht und mache mit, vielleicht lassen sie mich dann gehen. Die vielen bunten Fläschchen überfordern mich. Zum Glück ist auf einem ein Gesicht drauf, da weiß ich, was ich damit tun soll. Zittrig greife ich nach der weißen Tube mit dem Grinsegesicht und dem Diamanten im Mund und beginne, die klebrige Paste mit Minzgeruch in meinem Gesicht zu verteilen. Ich blicke in den Spiegel, der keiner ist, denn statt mich selbst sehe ich eine fremde, alte, faltige Frau mit weißen Schlieren im Gesicht. Weiß-burgunderfarbenes Rotlöckchen kommt abgehetzt zurück und schimpft. Ich verstehe nicht, warum sie so aufgebracht ist, schließlich habe ich genau getan, was sie von mir wollte. Sie beginnt, mit einem nassen Waschlappen in meinem Gesicht herumzuhantieren. Die Minze brennt in den Augen. Ich weine – weil es brennt, weil sie grob ist, weil ich nichts verstehe. Was hat sie so verärgert? Ich würde ihr gerne helfen. >Eine Duftwolke aus Pfefferminz und Baktolan-Waschgel hinter mir herziehend, finde ich endlich den Ausweg aus diesem Irrgarten und bereite meine Flucht vor, als Bastel-Benjamin plötzlich vor mir auftaucht und mich zu vielen alten, sabbernden Menschen an einen Tisch setzt. Was soll ich denn hier? Ich gehöre nicht hierher. Wo ist meine Küche? Ein Tablett mit Essen steht aus heiterem Himmel vor meiner Nase. Das hab ich nie bestellt. Was ist das denn für eine komische Wirtschaft hier? Und den Wirt sieht man auch nirgends. Als ich nach vorne gebeugt mit der Nase im Essen aufwache, tippen mir zwei schöne junge Damen mit bunten Haaren auf die Schulter, die mich „Oma“ nennen. Ich hab die beiden noch nie gesehen und doch kommen sie mir so vertraut vor. Sie wollen mit mir spazieren gehen und Ball spielen, als hätte ich Zeit für so Kinderkram. Und für das Essen muss ich noch bezahlen. Obwohl ich es nicht bestellt habe, hat es mir gut geschmeckt. Ich kann keine Kellnerin entdecken. Was wollen die beiden jungen Damen von mir? Sie müssen mich verwechselt haben. Ich habe noch keine Kinder. Obwohl gestern Menschen hier waren, die „Mama“ zu mir gesagt haben, oder hab ich das geträumt?

 

Bastel-Benjamin meint, es wäre Zeit fürs Bett. Warum bestimmt er so etwas? Und wo sind meine Eltern? In diesem fremden Raum, in einem fremden Bett liegend, in das mich ein fremder Mann gelegt hat, mit einer seltsam fremd riechenden Decke zugedeckt, an die fremde Zimmerdecke starrend, frage ich mich, wer ich bin und wie fremd man sich selbst sein kann. Ich fühle mich fremd, fremder, am fremdesten.

Und warum ruft mich niemand an?

 

***

 

Heute waren wir bei Oma. Sie hat uns nicht erkannt. Trotzdem hat sie sich gefreut, uns zu sehen. Wir sind mit ihr spazieren gegangen, haben Ball gespielt. Manchmal erzählt sie von früher – an einiges erinnert sie sich noch ganz genau. Es ist schön, wenn sie erzählt.

Zwischendurch meinte sie, wir sollten sie nicht so lange aufhalten, sie habe noch so viel zu tun, das Essen müsse vorbereitet werden, bevor alle vom Feld zurückkommen. Sie weiß nicht mehr so genau, wie sie in diese seltsame Wirtschaft gekommen ist. Das Essen ist lecker, sagte sie, wird aber serviert, obwohl sie es nicht bestellt hat. Und eine Kellnerin, um zu bezahlen, sei auch nicht zu finden. Es war schön, Oma zu sehen. Und es tut weh. Sie hatte immer Angst davor, dement zu werden und hat sich gewünscht, vorher zu sterben. Zuhause angekommen, tapse ich auf Socken durch die leere Wohnung. Durch die leere Wohnung voller Erinnerungen. Der Fernseher bleibt stumm. Der Rosenkranz schweigt. Zuhause ist ausgesteckt.